Nach einer Weile sagt er: „Wir haben ja eigentlich über etwas anderes gesprochen, nämlich ob wir unsere Liste mit den Kirchen weiter abarbeiten. Ich würde gerne bleiben.“
„Gute Idee. Vergessen wir unsere Liste. Schön, dass du dich auch dort wohl fühlst.“
„Ich glaube, gewisse Leute haben ein bisschen nachgeholfen. Benji war ja mehrmals im Krankenhaus, aber Reinout hat mich auch besucht.“
„Wer ist denn das?“, unterbreche ich.
Kopfschüttelnd stellt er fest: „Dein Namensgedächtnis ist nicht wert, Gedächtnis genannt zu werden. Reinout ist der Pastor.“
„Aha. Also, er hat dich im Krankenhaus besucht. Warum hast du nichts davon erzählt?“
Er hebt die Schultern. „Ich weiß es nicht mehr, vielleicht kam etwas dazwischen. Jedenfalls hat er mich eingeladen zu einem Glaubensgrundkurs. Da lernt man wichtige Dinge über Jesus, Gott, die Bibel, und hinterher kann man sich zur Taufe anmelden.“
„Geht das nur, wenn man einen Kurs besucht hat?“
Er grinst. „Das habe ich beinahe als erstes gefragt. Aber man kann sich auch ohne Kurs zur Taufe melden. Eigentlich wollte er dich auch noch einladen, aber ich habe ihm gesagt, dass das unnötig ist. Erstens bist du ja getauft und zweitens … du bist lang genug mit Jesus unterwegs, dass du keinen solchen Kurs brauchst, denke ich. Sein Vater kannte übrigens deinen Popp und Amalia. Es fühlt sich seltsam an, dass so viele Leute ihn gekannt und geschätzt haben und ich höre nur die Geschichten. Ich hätte ihn gerne auch kennen gelernt.“
Eine Weile ist es still zwischen uns.
Ich denke an Theodorus’ Worte: „Wer einen Willem van Hoorn zum Freund hat, braucht sich vor nichts zu fürchten.“
Wenn ich Theodorus glauben soll …
Glaub es.
Also, wenn er recht hat …
Hat er. Sprich es aus, ermuntert er mich. Ein gesprochenes Wort hat mehr Macht als eins, das du nur denkst.
„Mein Name ist Jeremy Willem van Hoorn“, setze ich an.
„Donnerwetter, dein Namensgedächtnis funktioniert ja doch!“, lacht er.
Ich wische das mit einer Handbewegung weg. „Mein Name ist Jeremy Willem van Hoorn. Ich bin dein Freund und du brauchst den Willem van Hoorn nicht.“
Gut gemacht!
Miloš schaut mich lange an. „Ja. Entschuldige bitte, du hast recht. Ich brauche ihn nicht.“
Erst als wir zuhause ankommen, sagt er wieder etwas: „Weißt du übrigens, dass die VKR die Heimatgemeinde von Niekes Familie ist?“
„Na klar. Ich bin ein paar mal öfter dort gewesen als du.“
„Weißt du, in welche Gemeinde sie jetzt geht?“
„Wir haben zwar mal Leute aus ihrer Kirche getroffen, aber ich hab nicht nachgefragt.“
„Wahrscheinlich hast du gepennt“, lacht er.
„Ts“, mache ich. „Das tu ich nur, wenn wir alleine sind.“
„Du tust schlafen tun?“, zieht er mich auf.
„Ts!“ Ich gehe in mein Zimmer und ziehe mich um, danach suche ich die Küche auf, um mal ausführlich über die nächste Mahlzeit nachzudenken. Gebackene Kräuterforelle wäre fein. Dazu Pellkartoffeln und irgendwelches Gemüse.
Miloš steht mittendrin, breitbeinig, und telefoniert serbisch. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass es geschellt hat.
Es geht hin und her, offenbar gibt es zwei sehr gegensätzliche Ausgangspunkte in dieser Diskussion. In so einem Fall gestikuliert er(372) und benimmt sich endlich südeuropäisch, nicht so kühl und beherrscht wie sonst.
Weil ich jetzt ein paar Mal durch den Raum gehe, lehnt er sich an den Kühlschrank.
Auf einmal fragt er: „Willst du mit Sloba reden?“
„Nein“, sage ich knapp.
16. Juni 2016
642
Von ihm kommt keine Reaktion und ich setze neu an: „Miloš. Denk nach. Im Neuen Testament wird lang und breit diskutiert, ob man beschnitten sein muss, um Christ zu werden. Und seitenlang lässt Paulus sich darüber aus, ob man Opferfleisch essen darf oder nicht. Ist das heute wichtig? Nee. Dagegen viele Fragen von heute stellten sich damals nicht, weil die Gesellschaftsordnung und der Alltag ganz anders waren.“ Seine Meinung dazu ist deutlich: Er wendet sich von mir ab. „Du glaubst, dass ich mich mit der Bibel auskenne. Also hör gefälligst zu“, fordere ich.
„Das kann ich nicht! Deine Arroganz stinkt zum Himmel!“
Die Freiheit in meinem Glauben, auch andere Ansichten zulassen zu können, fehlt ihm völlig. Und die russischen Brüder haben nichts dafür getan, seinen diesbezüglich doch sehr engen Horizont zu weiten. Herzlichen Glückwunsch, so entsteht Fundamentalismus.(371) „Wofür sollte Jesus uns den Heiligen Geist geschickt haben, wenn alle Antworten in der Bibel stehen? Er wusste, dass die Zeiten sich ändern würden. Geh zu Michelle und entschuldige dich.“
„Sag mir eine Frage, auf die in der Bibel keine Antwort steht.“
„Ich kann dir sogar ganz viele nennen. Welchen Beruf soll ich lernen? Die Auswahl ist so groß und ich will alles richtig machen. Oder: Soll ich Frau A oder Frau B heiraten? Mit welcher passe ich besser zusammen? Oder: Sollen wir mit dem Sex bis zur Ehe warten oder entspannt es unsere Beziehung, wenn wir vorher schon miteinander schlafen? Oder: In der Bibel steht, Gott hat die Regierungen über uns gesetzt. Die Regierung handelt ungerecht. Darf ich gegen die Herrscher aufstehen? Und so weiter und so fort.“
„Das ist aber alles sehr allgemein und dazu ziemlich weit von dir weg“, bemängelt er. „Einen Beruf hast du schon, du willst gerade Single sein, du hattest zuletzt vor zwei Jahren Sex, und die Niederlande sind dafür bekannt, tolerant und weltoffen zu sein.“
Er hat wirklich nicht mitgekriegt, was passiert ist, kurz bevor ich mit Sloba Schluss gemacht habe! „Dann nimm Mommis Frage. Die Frage ihres Lebens. Warum habe ich nur ein Kind bekommen? Ich wollte eine ganze Schar haben. Warum hat Gott mir nur eins gegeben?“
„Das noch dazu so viel Mist gemacht hat“, will er die Frage vervollständigen.
„Nein. Um den Mist ging es dabei nicht. Nie. Sie hat sich viele Kinder gewünscht. Sie war ja noch sehr jung, als Gerrit kam. Es gab keine Erklärung, warum sie nicht wieder schwanger wurde. Dann haben sie versucht, Kinder zu adoptieren. Die Vermittlungsversuche haben sich endlos hingezogen, bis sie schließlich gescheitert sind. Dann haben sie versucht, Pflegekinder zu bekommen. Auch das hat nicht geklappt. Sie hat sehr gelitten, wenn Leute schlecht mit ihren Kindern umgegangen sind. Sie hätte gerne mehr Kinder gehabt, und sie hätte ihnen ein gutes Zuhause geboten. Warum haben diese Menschen, was ich nicht habe und wissen es nicht mal zu schätzen? Auf diese Frage hat die Bibel ihr keine Antwort geben können.“
„Hat sie denn vom Heiligen Geist eine bekommen?“
Er ist zwar noch nicht überzeugt von meiner Ansicht, aber immerhin schon wieder besänftigt. Schließlich stellt er Fragen! Der Heilige Geist wird auch ihm Antworten geben.
„Nein“, antworte ich. „Aber Trost. Der ist oft viel wichtiger als eine Antwort. Und neue Aufgaben hat sie dann auch bekommen.“
„Dich.“
„Und dich. Und all die anderen, die gerne bei ihr einkehren und denen sie zuhört, Rat gibt, Wolkenpudding kocht oder einfach eine gute Zeit mit ihnen hat und ihnen Wertschätzung entgegen bringt.“
„Wertschätzung“, wiederholt er so langsam wie abwesend.
Als müsse er das Wort schmecken und kauen.
„Das kann ich nicht! Deine Arroganz stinkt zum Himmel!“
Die Freiheit in meinem Glauben, auch andere Ansichten zulassen zu können, fehlt ihm völlig. Und die russischen Brüder haben nichts dafür getan, seinen diesbezüglich doch sehr engen Horizont zu weiten. Herzlichen Glückwunsch, so entsteht Fundamentalismus.(371) „Wofür sollte Jesus uns den Heiligen Geist geschickt haben, wenn alle Antworten in der Bibel stehen? Er wusste, dass die Zeiten sich ändern würden. Geh zu Michelle und entschuldige dich.“
„Sag mir eine Frage, auf die in der Bibel keine Antwort steht.“
„Ich kann dir sogar ganz viele nennen. Welchen Beruf soll ich lernen? Die Auswahl ist so groß und ich will alles richtig machen. Oder: Soll ich Frau A oder Frau B heiraten? Mit welcher passe ich besser zusammen? Oder: Sollen wir mit dem Sex bis zur Ehe warten oder entspannt es unsere Beziehung, wenn wir vorher schon miteinander schlafen? Oder: In der Bibel steht, Gott hat die Regierungen über uns gesetzt. Die Regierung handelt ungerecht. Darf ich gegen die Herrscher aufstehen? Und so weiter und so fort.“
„Das ist aber alles sehr allgemein und dazu ziemlich weit von dir weg“, bemängelt er. „Einen Beruf hast du schon, du willst gerade Single sein, du hattest zuletzt vor zwei Jahren Sex, und die Niederlande sind dafür bekannt, tolerant und weltoffen zu sein.“
Er hat wirklich nicht mitgekriegt, was passiert ist, kurz bevor ich mit Sloba Schluss gemacht habe! „Dann nimm Mommis Frage. Die Frage ihres Lebens. Warum habe ich nur ein Kind bekommen? Ich wollte eine ganze Schar haben. Warum hat Gott mir nur eins gegeben?“
„Das noch dazu so viel Mist gemacht hat“, will er die Frage vervollständigen.
„Nein. Um den Mist ging es dabei nicht. Nie. Sie hat sich viele Kinder gewünscht. Sie war ja noch sehr jung, als Gerrit kam. Es gab keine Erklärung, warum sie nicht wieder schwanger wurde. Dann haben sie versucht, Kinder zu adoptieren. Die Vermittlungsversuche haben sich endlos hingezogen, bis sie schließlich gescheitert sind. Dann haben sie versucht, Pflegekinder zu bekommen. Auch das hat nicht geklappt. Sie hat sehr gelitten, wenn Leute schlecht mit ihren Kindern umgegangen sind. Sie hätte gerne mehr Kinder gehabt, und sie hätte ihnen ein gutes Zuhause geboten. Warum haben diese Menschen, was ich nicht habe und wissen es nicht mal zu schätzen? Auf diese Frage hat die Bibel ihr keine Antwort geben können.“
„Hat sie denn vom Heiligen Geist eine bekommen?“
Er ist zwar noch nicht überzeugt von meiner Ansicht, aber immerhin schon wieder besänftigt. Schließlich stellt er Fragen! Der Heilige Geist wird auch ihm Antworten geben.
„Nein“, antworte ich. „Aber Trost. Der ist oft viel wichtiger als eine Antwort. Und neue Aufgaben hat sie dann auch bekommen.“
„Dich.“
„Und dich. Und all die anderen, die gerne bei ihr einkehren und denen sie zuhört, Rat gibt, Wolkenpudding kocht oder einfach eine gute Zeit mit ihnen hat und ihnen Wertschätzung entgegen bringt.“
„Wertschätzung“, wiederholt er so langsam wie abwesend.
Als müsse er das Wort schmecken und kauen.
641
„Du siehst jetzt, wo du krank geschrieben bist, gesünder aus als neulich, als du nicht krank geschrieben warst“, sagt Sammy zu ihm.
„Ich fühle mich auch gesünder“, sagt er. „Es geht bergauf mit mir. Das ist gut zu wissen.“
„Und dann ist er auch noch verknallt“, gebe ich meinen Senf dazu.
„Noch eine Herzensangelegenheit!“
„Kennen wir die Dame?“
„Ich glaube nicht. Ihr werdet sie beim Auftritt sehen, sie ist unsere Sängerin. Aber sie will auch nächste Woche hierhin mitkommen. Heute hatte sie etwas anderes zu tun.“
„Ist sie so sportlich wie du?“, will Alannah wissen.
„Nein.“ Er lächelt übers ganze Gesicht. „Sie findet Sport anstrengend. Sie hat so eine schöne kurvenreiche Figur wie du. Sie ist wunderbar.“
„Und dich hats voll erwischt“, stellt Benji fest.
Zugleich stellt Alannah etwas anderes fest: „Hast du gehört, ich habe kein Übergewicht, sondern eine schöne kurvenreiche Figur.“
„Sagt er, du wärst zu dick?“, springt Miloš gleich darauf an.
„Du brauchst meine Frau nicht zu verteidigen“, grinst Benji. „Sie ist einfach ein bisschen zu klein für ihr Gewicht.“
„Das ist genauso uncharmant.“
„Nein, es sind Tatsachen“, lacht sie. „Und ich weiß, er liebt mich mit allem, was ich habe.“
hundertneunundneunzigstes Kapitel
Als wir uns wieder auf dem Heimweg befinden, sagt er irgendwann: „Wir wollten jeder Kirche drei Monate Zeit lassen, bis wir uns entscheiden. Hältst du das für sinnvoll?“
„Was meinst du damit?“
„Kann man sich nach drei Monaten für oder gegen eine Gemeinschaft entscheiden, vor allem, wenn man so unregelmäßig da ist wie ich? Wenn drei Monate aus zwölf Sonntagen bestehen, dauert es bei mir viel länger als bei dir, bis ich zu einer Entscheidung kommen kann. Oder muss. Oder soll.“
„Ich verstehe die Frage nicht. Worauf willst du hinaus?“
„Bei den russischen Brüdern lag der Fokus auf dem Wort. Die Bibel, Gottes Wort, ist das Wichtigste. Ich sehe das auch so, es ist unfassbar viel Weisheit drin, niemand wird es je bis ins Detail begreifen. Und Gott hat uns das Wort gegeben, damit wir uns damit beschäftigen. Das ist in der VKR nicht so und ich vermisse es. Aber vielleicht gibt es noch mehr Interessierte, die sich unter der Woche treffen. Sie werden ja nicht alle so oberflächlich wie Michelle glauben.“
„Oberflächlich? Michelle? Wie kommst du denn darauf?“
„Sie meint tatsächlich, dass die Bibel zu vielen Dingen der heutigen Zeit gar nichts sagen würde! Ich habe ihr aber gesagt, dass in der Bibel Antworten auf alle Fragen des Lebens zu finden sind. Es muss so sein, schließlich hat Gott sie uns als Leitfaden gegeben. Ich kann nicht verstehen, wie sie zweifeln kann.“
Ich wusste, dass wir eines Tages an diesem Punkt ankommen würden. Miloš ist so ein Typ, dem die Bibel alles ist. Ich habe diese Diskussion schon einige Male geführt und bin auf alles vorbereitet, denn beinahe jedes Mal endete sie im Streit – ist ja auch klar, da es um emotionale Dinge geht. „Und ich kann nicht verstehen, wieso du sie deswegen oberflächlich nennst. Bloß weil du anders darüber denkst als sie.“
„Aber sie irrt!“
„Nein. Du irrst.“
Entsetzt schaut er mich an. „Du glaubst das auch?! Du hast so viel darin gelesen, du kennst Gott total gut, wie kannst du das behaupten?!“
„Eben“, sage ich. „Ich habe viel darin gelesen, ich kenne Gott total gut. Deswegen weiß ich, dass die Bibel zu vielen Themen des heutigen Lebens nichts sagt. Oder Antworten liefert, die überhaupt nicht aktuell sind. Oder willst du es dir so einfach machen, dass man in dem Fall seine Fragen den Antworten anpassen soll?“
„Ich fühle mich auch gesünder“, sagt er. „Es geht bergauf mit mir. Das ist gut zu wissen.“
„Und dann ist er auch noch verknallt“, gebe ich meinen Senf dazu.
„Noch eine Herzensangelegenheit!“
„Kennen wir die Dame?“
„Ich glaube nicht. Ihr werdet sie beim Auftritt sehen, sie ist unsere Sängerin. Aber sie will auch nächste Woche hierhin mitkommen. Heute hatte sie etwas anderes zu tun.“
„Ist sie so sportlich wie du?“, will Alannah wissen.
„Nein.“ Er lächelt übers ganze Gesicht. „Sie findet Sport anstrengend. Sie hat so eine schöne kurvenreiche Figur wie du. Sie ist wunderbar.“
„Und dich hats voll erwischt“, stellt Benji fest.
Zugleich stellt Alannah etwas anderes fest: „Hast du gehört, ich habe kein Übergewicht, sondern eine schöne kurvenreiche Figur.“
„Sagt er, du wärst zu dick?“, springt Miloš gleich darauf an.
„Du brauchst meine Frau nicht zu verteidigen“, grinst Benji. „Sie ist einfach ein bisschen zu klein für ihr Gewicht.“
„Das ist genauso uncharmant.“
„Nein, es sind Tatsachen“, lacht sie. „Und ich weiß, er liebt mich mit allem, was ich habe.“
hundertneunundneunzigstes Kapitel
Als wir uns wieder auf dem Heimweg befinden, sagt er irgendwann: „Wir wollten jeder Kirche drei Monate Zeit lassen, bis wir uns entscheiden. Hältst du das für sinnvoll?“
„Was meinst du damit?“
„Kann man sich nach drei Monaten für oder gegen eine Gemeinschaft entscheiden, vor allem, wenn man so unregelmäßig da ist wie ich? Wenn drei Monate aus zwölf Sonntagen bestehen, dauert es bei mir viel länger als bei dir, bis ich zu einer Entscheidung kommen kann. Oder muss. Oder soll.“
„Ich verstehe die Frage nicht. Worauf willst du hinaus?“
„Bei den russischen Brüdern lag der Fokus auf dem Wort. Die Bibel, Gottes Wort, ist das Wichtigste. Ich sehe das auch so, es ist unfassbar viel Weisheit drin, niemand wird es je bis ins Detail begreifen. Und Gott hat uns das Wort gegeben, damit wir uns damit beschäftigen. Das ist in der VKR nicht so und ich vermisse es. Aber vielleicht gibt es noch mehr Interessierte, die sich unter der Woche treffen. Sie werden ja nicht alle so oberflächlich wie Michelle glauben.“
„Oberflächlich? Michelle? Wie kommst du denn darauf?“
„Sie meint tatsächlich, dass die Bibel zu vielen Dingen der heutigen Zeit gar nichts sagen würde! Ich habe ihr aber gesagt, dass in der Bibel Antworten auf alle Fragen des Lebens zu finden sind. Es muss so sein, schließlich hat Gott sie uns als Leitfaden gegeben. Ich kann nicht verstehen, wie sie zweifeln kann.“
Ich wusste, dass wir eines Tages an diesem Punkt ankommen würden. Miloš ist so ein Typ, dem die Bibel alles ist. Ich habe diese Diskussion schon einige Male geführt und bin auf alles vorbereitet, denn beinahe jedes Mal endete sie im Streit – ist ja auch klar, da es um emotionale Dinge geht. „Und ich kann nicht verstehen, wieso du sie deswegen oberflächlich nennst. Bloß weil du anders darüber denkst als sie.“
„Aber sie irrt!“
„Nein. Du irrst.“
Entsetzt schaut er mich an. „Du glaubst das auch?! Du hast so viel darin gelesen, du kennst Gott total gut, wie kannst du das behaupten?!“
„Eben“, sage ich. „Ich habe viel darin gelesen, ich kenne Gott total gut. Deswegen weiß ich, dass die Bibel zu vielen Themen des heutigen Lebens nichts sagt. Oder Antworten liefert, die überhaupt nicht aktuell sind. Oder willst du es dir so einfach machen, dass man in dem Fall seine Fragen den Antworten anpassen soll?“
640
Als wir in der VKR eintreffen, stehen Alannah und Michelle schon auf der Bühne und singen; Benji ist am Mischpult zugange. Alle Tätigkeiten werden mit unserem Eintreten unterbrochen. Sie freuen sich, dass es ihm schon wieder so gut geht.
Miloš setzt sich in eine der Stuhlreihen, aber als Alannah die Gitarre nimmt, damit Benji sie einpegeln kann, hält es ihn dort nicht mehr. „Geh auf die Bühne“, sagt er und übernimmt die Arbeit an den Reglern.
Kurz darauf erscheint Mark. Nachdem er alle begrüßt hat und Miloš’ wiedererstandene Gesundheit lobt, geht er auf die Bühne, wo er die Gitarre auspackt und stimmt. Dann stöpselt er das Kabel ein, Miloš findet den Kanal, aber wir kommen nicht dazu, mit der Musik zu beginnen, weil als nächstes Sammy und der Tontechniker, dessen Namen ich mir nicht merken kann, den Raum betreten. Das Begrüßen und Schön-dass-du-wieder-da-bist geht erneut los.
Ich schaue zur Uhr. „Disziplin, Leute“, rufe ich sie auf. „Wir haben noch zehn Minuten. Alle auf ihre Plätze, Klappe halten, Konzentration!“
Willig fügen sie sich meinen Anweisungen, ich zähle vor, wir spielen das erste Lied an, das zweite, das dritte, derweil beginnt sich der Raum mit Gottesdienstbesuchern zu füllen.
Manchmal habe ich den Eindruck, sie wollen nicht frei sein, sondern eine Autorität über sich haben. Erstaunlich, dass sie ausgerechnet mich dafür auserkoren haben. Ich bin ja als letzter dazu gekommen und außerdem kein Anführertyp.
Gegen Ende unserer Anbetungszeit passiert etwas Ungewöhnliches. Als Mark die Gitarre ausstöpseln will, geht Alannah zu ihm hin und spricht leise mit ihm. Daraufhin sagt er ins Mikrofon: „Wir haben das Gefühl, wir sollten nicht aufhören. Der Heilige Geist hat einigen von uns was zu sagen. Wir spielen so lange weiter, bis er alles ausgerichtet hat.“
So etwas habe ich in meiner ganzen „Kirchenerfahrung“ noch nicht erlebt. Viele Leute sagen, sie würden dem Heiligen Geist alle Freiheit einräumen, die er haben will – aber wehe, er will das vorbereitete Programm umwerfen!
Nach einer reichlichen halben Stunde verlassen wir schließlich die Bühne, als hätten wir uns abgesprochen, dabei hat keiner was gesagt.
Der Pastor (mit dessen Namen ich auch noch Probleme habe, ebenso wie mit der Mehrzahl der Kirchenbesucher) dankt uns und sagt, dass er seine Predigt beim nächsten Mal halten wird. Hat vielleicht jemand gerade was ausgerichtet bekommen oder in der letzten Zeit was mit Jesus erlebt, das er mit den anderen teilen möchte?
Ich bin eben erst von der Bühne verschwunden, aber ich gehe gleich wieder hin. Der Pastor gibt mir sein Mikrofon.
„Ich wollte euch danken“, sage ich. „Vor zwei Wochen war ich völlig am Ende, mein bester Freund Miloš war im Koma. Ihr habt für uns gebetet und jetzt geht es uns beiden wieder gut, wie man sicher auch sieht. Euer Gebet war kein oberflächliches Bittebitte, damit ich den Mund halte und ihr eure Christenpflicht erfüllt habt. Ich habe gespürt, ihr macht mein Anliegen zu eurem Anliegen. Meine Not zu eurer Not. Das war sehr … warm. Vielen Dank.“
Im Applaus gebe ich dem Pastor das Mikro zurück. Andere Leute kommen vor und erzählen ihre Erlebnisse; es sind viele. Fast immer geht es darum, dass Gott ihnen gesagt hat, dass er sie liebt, dass er sie trösten will, manchmal auch, dass er sie ermahnt, mit einem Menschen Frieden zu schließen oder sich mit unerfreulichen Umständen abzufinden. Und auch wenn die Gottesdienstzeit überschritten wird, darf jeder seine Geschichte erzählen.
Hinterher stehen wir Musiker noch eine Weile zusammen. Ich weiß nicht, ob etwas dran ist, aber es kommt mir vor, als würde der Pulk um uns nach jedem Gottesdienst größer.
Mir fällt etwas ein: „Meine Band hat übrigens Ende des Monats zwei Auftritte beim Sommerfest der Stadt Zuyderkerk. Ihr hattet ja gesagt, ich soll Bescheid sagen.“
„Kann da jeder hinkommen?“
„Na klar. Es ist eine öffentliche Veranstaltung.“
Merle hat am Computer Flyer gestaltet, die sie mir als Emailanhang zugeschickt hat(370) und die ich am nächsten Tag in der Schule (in der Pause) ausgedruckt, kopiert und zugeschnitten habe. Das ist zwar nicht so schön wie professionell gedruckt, aber immerhin hat man was zum Verteilen. Miloš hat welche im Jackett und gibt sie heraus.
Miloš setzt sich in eine der Stuhlreihen, aber als Alannah die Gitarre nimmt, damit Benji sie einpegeln kann, hält es ihn dort nicht mehr. „Geh auf die Bühne“, sagt er und übernimmt die Arbeit an den Reglern.
Kurz darauf erscheint Mark. Nachdem er alle begrüßt hat und Miloš’ wiedererstandene Gesundheit lobt, geht er auf die Bühne, wo er die Gitarre auspackt und stimmt. Dann stöpselt er das Kabel ein, Miloš findet den Kanal, aber wir kommen nicht dazu, mit der Musik zu beginnen, weil als nächstes Sammy und der Tontechniker, dessen Namen ich mir nicht merken kann, den Raum betreten. Das Begrüßen und Schön-dass-du-wieder-da-bist geht erneut los.
Ich schaue zur Uhr. „Disziplin, Leute“, rufe ich sie auf. „Wir haben noch zehn Minuten. Alle auf ihre Plätze, Klappe halten, Konzentration!“
Willig fügen sie sich meinen Anweisungen, ich zähle vor, wir spielen das erste Lied an, das zweite, das dritte, derweil beginnt sich der Raum mit Gottesdienstbesuchern zu füllen.
Manchmal habe ich den Eindruck, sie wollen nicht frei sein, sondern eine Autorität über sich haben. Erstaunlich, dass sie ausgerechnet mich dafür auserkoren haben. Ich bin ja als letzter dazu gekommen und außerdem kein Anführertyp.
Gegen Ende unserer Anbetungszeit passiert etwas Ungewöhnliches. Als Mark die Gitarre ausstöpseln will, geht Alannah zu ihm hin und spricht leise mit ihm. Daraufhin sagt er ins Mikrofon: „Wir haben das Gefühl, wir sollten nicht aufhören. Der Heilige Geist hat einigen von uns was zu sagen. Wir spielen so lange weiter, bis er alles ausgerichtet hat.“
So etwas habe ich in meiner ganzen „Kirchenerfahrung“ noch nicht erlebt. Viele Leute sagen, sie würden dem Heiligen Geist alle Freiheit einräumen, die er haben will – aber wehe, er will das vorbereitete Programm umwerfen!
Nach einer reichlichen halben Stunde verlassen wir schließlich die Bühne, als hätten wir uns abgesprochen, dabei hat keiner was gesagt.
Der Pastor (mit dessen Namen ich auch noch Probleme habe, ebenso wie mit der Mehrzahl der Kirchenbesucher) dankt uns und sagt, dass er seine Predigt beim nächsten Mal halten wird. Hat vielleicht jemand gerade was ausgerichtet bekommen oder in der letzten Zeit was mit Jesus erlebt, das er mit den anderen teilen möchte?
Ich bin eben erst von der Bühne verschwunden, aber ich gehe gleich wieder hin. Der Pastor gibt mir sein Mikrofon.
„Ich wollte euch danken“, sage ich. „Vor zwei Wochen war ich völlig am Ende, mein bester Freund Miloš war im Koma. Ihr habt für uns gebetet und jetzt geht es uns beiden wieder gut, wie man sicher auch sieht. Euer Gebet war kein oberflächliches Bittebitte, damit ich den Mund halte und ihr eure Christenpflicht erfüllt habt. Ich habe gespürt, ihr macht mein Anliegen zu eurem Anliegen. Meine Not zu eurer Not. Das war sehr … warm. Vielen Dank.“
Im Applaus gebe ich dem Pastor das Mikro zurück. Andere Leute kommen vor und erzählen ihre Erlebnisse; es sind viele. Fast immer geht es darum, dass Gott ihnen gesagt hat, dass er sie liebt, dass er sie trösten will, manchmal auch, dass er sie ermahnt, mit einem Menschen Frieden zu schließen oder sich mit unerfreulichen Umständen abzufinden. Und auch wenn die Gottesdienstzeit überschritten wird, darf jeder seine Geschichte erzählen.
Hinterher stehen wir Musiker noch eine Weile zusammen. Ich weiß nicht, ob etwas dran ist, aber es kommt mir vor, als würde der Pulk um uns nach jedem Gottesdienst größer.
Mir fällt etwas ein: „Meine Band hat übrigens Ende des Monats zwei Auftritte beim Sommerfest der Stadt Zuyderkerk. Ihr hattet ja gesagt, ich soll Bescheid sagen.“
„Kann da jeder hinkommen?“
„Na klar. Es ist eine öffentliche Veranstaltung.“
Merle hat am Computer Flyer gestaltet, die sie mir als Emailanhang zugeschickt hat(370) und die ich am nächsten Tag in der Schule (in der Pause) ausgedruckt, kopiert und zugeschnitten habe. Das ist zwar nicht so schön wie professionell gedruckt, aber immerhin hat man was zum Verteilen. Miloš hat welche im Jackett und gibt sie heraus.
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