achtundvierzigstes Kapitel
In der letzten der vier ziemlich nassen Februarwochen passiert etwas, an das ich schon fast nicht mehr geglaubt habe und es in den letzten Wochen umso sehnlicher erwartet habe: Ich werde meinen Gips los! Allerdings habe ich nicht viel Gelegenheit, mich an meiner neuen Freiheit zu erfreuen, denn mein armer Arm ist ganz dünn und steif und schrumpelig geworden. Ich bekomme ein paar Einheiten Physiotherapie verschrieben und darf unter der strengen Aufsicht eines kauzigen älteren Mannes Bewegungsübungen machen, die mir ungeahnt heftigen Muskelkater an den unmöglichsten Stellen bescheren.
Das ist es aber nicht, was mir diese Vorfrühlingszeit absolut unvergesslich werden lässt. Als ich meinen Gips eine Woche los bin, klingelt ziemlich spät abends das Telefon.
Wie immer um diese Uhrzeit geht Cokko an den Apparat, weil ich der Ansicht bin, dass nur kleine Brüder so spät angerufen werden. Das hat nichts mit Logik zu tun (wer braucht so spät noch Logik?), sondern eher mit meiner Faulheit und Cokkos Gutmütigkeit.
Aber es ist nicht für meinen Bruder. Pieter ist am anderen Ende der Leitung. „Ich fahre morgen nach Amsterdam“, kommt er wie üblich schnell zu Sache. Pieter ist kein Typ für lange Vorreden, was uns unterscheidet.
Vorgestern waren wir zusammen in der schönen Hauptstadt unseres schönen Landes und haben Schlagzeuge angeguckt. Wir haben unzählige Läden durchstöbert und sind schließlich fündig geworden, denn den Tüchtigen belohnt das Glück.
Ich habe mit dem Händler vereinbart, dass er das Schlagzeug gegen Anzahlung für mich festhält und Pieter in ein paar Tagen kommt und eine zweite Anzahlung bringt und die Trommeln mitnehmen kann. Ich soll sie in aller Ruhe zuhause ausprobieren (haha, dann ist es mit der Ruhe erst mal vorbei!) und wenn ich kaufwillig bin, den fehlenden Betrag überweisen. Sollte ich kaufunwillig sein, fährt Pieter die Trommeln zu dem Händler zurück, bekommt die beiden Anzahlungen wieder und die Suche geht weiter.
Allerdings bin ich guter Dinge, dass der Kauf reibungslos vonstatten gehen wird. Das Schlagzeug ist okay und liegt genau in meinem finanziellen Rahmen. Besser kann es nicht klappen, finde ich.
Seine Nachricht, dass er nach Amsterdam fahren werde, heißt für mich, dass ich mich auf meinen Drahtesel zu schwingen, dem Geldautomaten an der Post einen Besuch abzustatten und Pieter besagte zweite Anzahlung vorbeizubringen habe. Das tue ich trotz der nachtschlafenden Zeit umgehend.
Ach, ich bin so aufgeregt wie ein kleines Kind vorm Geburtstag! Ich halte es kaum zuhause aus, aber Pieter hat gesagt, dass ich mich für alle Fälle in der Nähe des Telefons aufhalten soll: falls irgendwas dazwischen kommt, denn man kann mich ja sonst nicht erreichen. Ich weiß zwar nicht, was dazwischen kommen sollte, aber man weiß nie. Also muss ich wohl oder übel zuhause ausharren.
Jedoch versüßt mir die Aussicht auf ein eigenes Schlagzeug die Wartezeit. Ich nutze die Stunden, um in der Wohnung aufzuräumen. Bis ich einen Proberaum ausfindig gemacht habe, wo die Trommeln bleiben können, müssen sie nämlich in meine Werkstatt ausweichen. Zum Glück ist hier viel Platz, ich muss ja nur die elektrische Laubsäge ein Stück beiseite schieben, denn der Schreibtisch steht schon seit einer geraumen Weile im Schlafzimmer. Cokkos Laptop freut sich auch darüber, dass er nicht mehr so viel Staub ausgesetzt ist.
Als die Werkstatt bereitet ist, mache ich mich an die Küche, die mal wieder eine Scheuerlappenbehandlung vertragen könnte.
Ich schalte Lieblingsmusik ein und singe irgendwann so inbrünstig mit, dass ich die ersten beiden Telefonklingler gar nicht mitbekomme. Dann jedoch fällt es mir wieder ein: Pieter – das Schlagzeug!! Ich renne zum Telefon, hebe ab und rufe „Ja?“ hinein.
17. Juli 2015
138
„Ist dir gerade eingefallen, dass du Hunger hast oder was hat das miteinander zu tun?“, erkundige ich mich lachend.
„Na ja, wir können ja nicht die ganze Zeit hier herumsitzen und nichts tun. Reden kann ich auch beim Kochen, und du redest sowieso bei allen Dingen, die du tust.“
„Bäh“, mache ich. Natürlich hat er Recht, aber es klingt nicht gut, wie er das so sagt.
(Nebenbei gesagt würde es mich sehr interessieren, wie es um das Jesusleben meines Bruders bestellt ist. Er weiß sehr viele Dinge über den Glauben, die Bibel und alles drumherum; er sagt, er hat das als Kind von seinen Eltern gelernt und von der kanadischen Oma, aber ich fürchte, es handelt sich nur um Wissen und nicht um Glauben. Und im Gehirn nutzt das Jesus-Wissen nichts, es muss im Herzen ankommen. Ich habe ihn auch schon danach gefragt, aber er hat so ausweichend geantwortet, dass ich nicht weiter darauf eingegangen bin.)
Weil Cokko nicht weiß, was uns dazwischen kommen kann (66), zockeln wir also los zu Mommi. Mein Bruder kann es nicht abwarten und erklärt schon im Flur, was er wissen will.
Kopfschüttelnd guckt sie zwischen uns hin und her. „Ihr kommt auf Gesprächsthemen, Jungs“, macht sie und fragt: „Wollt ihr mit mir essen?“
Natürlich wollen wir.
Als wir bei ihr am Tisch sitzen, sagt sie: „Also, Cokko, auch wenn dir das vielleicht nicht gefällt, aber ich glaube, Jeremy hat Recht. Ich kann mich nicht erinnern, dass er mal ohne Jesus gelebt hätte. Er konnte kaum reden–“
„Was früh angefangen haben dürfte“, unterbricht er unqualifiziert, wodurch ich mich zu der Bemerkung hinreißen lasse: „Bei dir hat es bestimmt gedauert, bis du fünf warst.“
Mommi schnalzt mit der Zunge. „Manchmal benehmt ihr euch wie richtige Brüder. Hier eine Provokation, da ein kleiner Streit. Irgendwie beruhigt mich das, denn dieser ständige Friede zwischen euch ist ja nicht zum Aushalten.“
Cokko sieht ein, dass er der Geschichte um den Start meines Jesus-Lebens so nicht auf den Grund kommt und er bittet freundlich: „Was war, als Jeremy kaum reden konnte?“
„Er konnte kaum reden, da hat er mich gefragt, ob er eines Tages in den Himmel kommt. Ich hab ihm erklärt, wie das ist mit Jesus und Gott, und da hat er gesagt, dass er ab jetzt immer lieb sein will, damit Jesus nicht umsonst gestorben ist.“
„Was natürlich geklappt hat“, wirft Cokko überaus zweifelnd ein.
„Na ja, man kann ja doch sehen, dass dein Bruder ein ganz normaler Mensch ist, oder?“, fragt Mommi zurück. „Er ist nicht immer lieb gewesen. Aber er hat jeden Abend ein Nachtgebet gesprochen, auch wenn ich nicht bei ihm am Bett gesessen habe. Ich gehe davon aus, dass es ihm ernst war.“
„Und woher wusste er das alles?“
Langsam komme ich mir vor, als wäre ich unsichtbar. „Woher wohl!“, mische ich mich ein, „Zum Beispiel aus dem Kindergottesdienst, oder wenn Mommi mir aus der Kinderbibel vorgelesen hat oder wenn Popp den alten Missionar besucht hat.“
„Welchen alten Missionar?“, will mein Bruder prompt wissen.
Jetzt antwortet Mommi. „Hier in Zuyderkerk hat damals ein alter Missionar gewohnt, der lange Jahre in Indonesien gearbeitet hatte. Willem hat ihn oft zusammen mit Jeremy besucht und dann haben sie über alles zwischen Himmel und Erde geredet.“
„Ich dachte immer, dass so kleine Kinder nichts mitkriegen.“
„Davon gehen leider viele Leute aus, unter anderem auch die in der Kirchengemeinde. Deshalb gibt es den Kindergottesdienst erst ab vier Jahren. Wenn es nach mir ginge, würden schon die ganz Kleinen mit dabei sein.“
„Na ja, wir können ja nicht die ganze Zeit hier herumsitzen und nichts tun. Reden kann ich auch beim Kochen, und du redest sowieso bei allen Dingen, die du tust.“
„Bäh“, mache ich. Natürlich hat er Recht, aber es klingt nicht gut, wie er das so sagt.
(Nebenbei gesagt würde es mich sehr interessieren, wie es um das Jesusleben meines Bruders bestellt ist. Er weiß sehr viele Dinge über den Glauben, die Bibel und alles drumherum; er sagt, er hat das als Kind von seinen Eltern gelernt und von der kanadischen Oma, aber ich fürchte, es handelt sich nur um Wissen und nicht um Glauben. Und im Gehirn nutzt das Jesus-Wissen nichts, es muss im Herzen ankommen. Ich habe ihn auch schon danach gefragt, aber er hat so ausweichend geantwortet, dass ich nicht weiter darauf eingegangen bin.)
Weil Cokko nicht weiß, was uns dazwischen kommen kann (66), zockeln wir also los zu Mommi. Mein Bruder kann es nicht abwarten und erklärt schon im Flur, was er wissen will.
Kopfschüttelnd guckt sie zwischen uns hin und her. „Ihr kommt auf Gesprächsthemen, Jungs“, macht sie und fragt: „Wollt ihr mit mir essen?“
Natürlich wollen wir.
Als wir bei ihr am Tisch sitzen, sagt sie: „Also, Cokko, auch wenn dir das vielleicht nicht gefällt, aber ich glaube, Jeremy hat Recht. Ich kann mich nicht erinnern, dass er mal ohne Jesus gelebt hätte. Er konnte kaum reden–“
„Was früh angefangen haben dürfte“, unterbricht er unqualifiziert, wodurch ich mich zu der Bemerkung hinreißen lasse: „Bei dir hat es bestimmt gedauert, bis du fünf warst.“
Mommi schnalzt mit der Zunge. „Manchmal benehmt ihr euch wie richtige Brüder. Hier eine Provokation, da ein kleiner Streit. Irgendwie beruhigt mich das, denn dieser ständige Friede zwischen euch ist ja nicht zum Aushalten.“
Cokko sieht ein, dass er der Geschichte um den Start meines Jesus-Lebens so nicht auf den Grund kommt und er bittet freundlich: „Was war, als Jeremy kaum reden konnte?“
„Er konnte kaum reden, da hat er mich gefragt, ob er eines Tages in den Himmel kommt. Ich hab ihm erklärt, wie das ist mit Jesus und Gott, und da hat er gesagt, dass er ab jetzt immer lieb sein will, damit Jesus nicht umsonst gestorben ist.“
„Was natürlich geklappt hat“, wirft Cokko überaus zweifelnd ein.
„Na ja, man kann ja doch sehen, dass dein Bruder ein ganz normaler Mensch ist, oder?“, fragt Mommi zurück. „Er ist nicht immer lieb gewesen. Aber er hat jeden Abend ein Nachtgebet gesprochen, auch wenn ich nicht bei ihm am Bett gesessen habe. Ich gehe davon aus, dass es ihm ernst war.“
„Und woher wusste er das alles?“
Langsam komme ich mir vor, als wäre ich unsichtbar. „Woher wohl!“, mische ich mich ein, „Zum Beispiel aus dem Kindergottesdienst, oder wenn Mommi mir aus der Kinderbibel vorgelesen hat oder wenn Popp den alten Missionar besucht hat.“
„Welchen alten Missionar?“, will mein Bruder prompt wissen.
Jetzt antwortet Mommi. „Hier in Zuyderkerk hat damals ein alter Missionar gewohnt, der lange Jahre in Indonesien gearbeitet hatte. Willem hat ihn oft zusammen mit Jeremy besucht und dann haben sie über alles zwischen Himmel und Erde geredet.“
„Ich dachte immer, dass so kleine Kinder nichts mitkriegen.“
„Davon gehen leider viele Leute aus, unter anderem auch die in der Kirchengemeinde. Deshalb gibt es den Kindergottesdienst erst ab vier Jahren. Wenn es nach mir ginge, würden schon die ganz Kleinen mit dabei sein.“
137
„Weil du da mit einem tierisch bescheuerten Gesichtsausdruck sitzt. Man könnte Saft wegwischen, wenn man so eine Schweinerei gemacht hat wie du. Statt dessen grinst du wie blöde und tust ansonsten gar nichts.“
Ich nicke, weil mir nichts zu sagen einfällt. Ich habe gerade an etwas anderes gedacht als an die Saftflut.
„Und, großer Philosophenbruder, was geht in deinem Kopf vor?“, bohrt Cokko nach.
„Mein Becher läuft über“, sage ich und lächle glücklich.
„Treffender kann man es kaum beschreiben. Aber was soll mir diese Weisheit sagen?“
Ich verlasse meine süße Gedankenwelt und gebe in reichlich freier Übersetzung wieder: „Hey Gott, du bist mein Beschützer und deswegen geht es mir richtig gut. Bei dir kann ich ausruhen und stehe dann topfit auf. Du hast mir dein Ehrenwort darauf gegeben, dass ich immer auf sicheren Wegen gehe. Selbst wenn mein Leben mal ätzend oder voll stressig ist, habe ich keine Angst, denn du bist bei mir. Du schützt und führst mich, das macht mir Mut. Meine Feinde müssen zugucken, wenn du mich mit leckerem Essen und gutem Trinken verwöhnst, und das ist so viel, dass mein Becher überläuft! An allen Tagen, die noch für mich kommen, kann ich mich in deine Liebe kuscheln wie in eine warme flauschige Decke.“
Jetzt grinst auch Cokko. „Stell dir vor, ich kenne den 23. Psalm, aber so hab ich das noch nie verstanden. Ich dachte, es geht dabei um Schafe. Wahrscheinlich muss ich ab jetzt immer an den Psalm denken, wenn irgendwo was überschwappt. Kannst du eigentlich die ganze Bibel auswendig?“
Ich schüttele den Kopf. „Das wäre ein bisschen viel Text. Aber das Kleine Bibel-Einmaleins hab ich schon drauf, glaub ich, also so die grundlegenden Sachen.“ Bei der Erwähnung fällt mir auf, dass ich nun schon ein Dreivierteljahr lang keine Bibel mehr in der Hand hatte, außer vielleicht mal um einen Vers für eine Geburtstagskarte nachzublättern oder so. Aber es fühlt sich immer noch wie Erdbeersahnetorte an. Also ist es zu früh.
Cokko schaut eine Weile in die Gegend und anscheinend denkt er über das Einmaleins nach, denn schließlich fragt er mich: „Du, sag mal, seit wann bist du so ein Jesus-Fan?“
„Was meinst du damit?“, wünsche ich zu erfahren.
„Na ja, wann hast du damit angefangen? Irgendwann fängt man doch mit so was an.“
Heute scheint der Tag der ausführlichen Antworten zu sein, denn auch hierüber muss ich erst mal ein bisschen in mich gehen. „Also, als ich in der Schule war, da war ich schon mit Jesus unterwegs. Tja, also“, überlege ich vor mich hin, wann ich den entscheidenden Schritt zu Jesus hin und fort von meinem bösen Lebenswandel getan habe. Ich komme zu keinem Ergebnis. Weil mein Bruder sicher noch auf der irdischen Seite der Ewigkeit eine Auskunft möchte, beende ich sein Warten lapidar: „Eigentlich war Gott schon immer da.“
„Ach nee!“, macht Cokko. „Natürlich war er schon immer da. Er hat die Welt geschaffen, wo sollte er also gewesen sein, als du kamst? Vielleicht auf dem Klo?“
Das ist mal ein völlig neuer Denkansatz: Muss Gott aufs Klo? Schließlich hat er uns nach seinem Bilde geschaffen … oder kam der Stoffwechsel erst nach dem Sündenfall und ist daher ein Problem der Schöpfung? Dieser Gedanke ist mir noch nie gekommen! Was täte ich ohne meinen wunderbaren Bruder?! Ich sollte Gott genau beobachten, wenn wir demnächst mal wieder viel Zeit zusammen haben.
„Ich weiß nicht, wann ich mit Jesus angefangen hab. Ich hab noch nie darüber nachgedacht, aber ich hab über alle fast Glaubensfragen, die du mir stellst, noch nie nachgedacht. Wahrscheinlich war ich schon immer ein Jesus-Fan, wie du das nennst.“
Dass Cokko mit dieser Antwort nicht zufrieden ist, kann man ihm leicht ansehen. „Na klar hast du irgendwann damit angefangen! Jeder fängt irgendwann an, mit Jesus zu gehen, oder er tut’s nie, weil er nie zu Gott kommt! Aber du kannst mir nicht erzählen, dass du nie Scheiß gemacht hast.“
„Das behaupte ich ja gar nicht. Aber ich glaub wirklich, dass ich schon immer mit Jesus unterwegs gewesen bin. Wir können Mommi fragen, wenn wir das nächste Mal bei ihr sind, die weiß das bestimmt genau.“
Nun steht er auf. „Entweder gehen wir direkt zu Mommi und essen bei ihr und können sie fragen, oder ich koch jetzt was. Was schlägst du vor?“
Ich nicke, weil mir nichts zu sagen einfällt. Ich habe gerade an etwas anderes gedacht als an die Saftflut.
„Und, großer Philosophenbruder, was geht in deinem Kopf vor?“, bohrt Cokko nach.
„Mein Becher läuft über“, sage ich und lächle glücklich.
„Treffender kann man es kaum beschreiben. Aber was soll mir diese Weisheit sagen?“
Ich verlasse meine süße Gedankenwelt und gebe in reichlich freier Übersetzung wieder: „Hey Gott, du bist mein Beschützer und deswegen geht es mir richtig gut. Bei dir kann ich ausruhen und stehe dann topfit auf. Du hast mir dein Ehrenwort darauf gegeben, dass ich immer auf sicheren Wegen gehe. Selbst wenn mein Leben mal ätzend oder voll stressig ist, habe ich keine Angst, denn du bist bei mir. Du schützt und führst mich, das macht mir Mut. Meine Feinde müssen zugucken, wenn du mich mit leckerem Essen und gutem Trinken verwöhnst, und das ist so viel, dass mein Becher überläuft! An allen Tagen, die noch für mich kommen, kann ich mich in deine Liebe kuscheln wie in eine warme flauschige Decke.“
Jetzt grinst auch Cokko. „Stell dir vor, ich kenne den 23. Psalm, aber so hab ich das noch nie verstanden. Ich dachte, es geht dabei um Schafe. Wahrscheinlich muss ich ab jetzt immer an den Psalm denken, wenn irgendwo was überschwappt. Kannst du eigentlich die ganze Bibel auswendig?“
Ich schüttele den Kopf. „Das wäre ein bisschen viel Text. Aber das Kleine Bibel-Einmaleins hab ich schon drauf, glaub ich, also so die grundlegenden Sachen.“ Bei der Erwähnung fällt mir auf, dass ich nun schon ein Dreivierteljahr lang keine Bibel mehr in der Hand hatte, außer vielleicht mal um einen Vers für eine Geburtstagskarte nachzublättern oder so. Aber es fühlt sich immer noch wie Erdbeersahnetorte an. Also ist es zu früh.
Cokko schaut eine Weile in die Gegend und anscheinend denkt er über das Einmaleins nach, denn schließlich fragt er mich: „Du, sag mal, seit wann bist du so ein Jesus-Fan?“
„Was meinst du damit?“, wünsche ich zu erfahren.
„Na ja, wann hast du damit angefangen? Irgendwann fängt man doch mit so was an.“
Heute scheint der Tag der ausführlichen Antworten zu sein, denn auch hierüber muss ich erst mal ein bisschen in mich gehen. „Also, als ich in der Schule war, da war ich schon mit Jesus unterwegs. Tja, also“, überlege ich vor mich hin, wann ich den entscheidenden Schritt zu Jesus hin und fort von meinem bösen Lebenswandel getan habe. Ich komme zu keinem Ergebnis. Weil mein Bruder sicher noch auf der irdischen Seite der Ewigkeit eine Auskunft möchte, beende ich sein Warten lapidar: „Eigentlich war Gott schon immer da.“
„Ach nee!“, macht Cokko. „Natürlich war er schon immer da. Er hat die Welt geschaffen, wo sollte er also gewesen sein, als du kamst? Vielleicht auf dem Klo?“
Das ist mal ein völlig neuer Denkansatz: Muss Gott aufs Klo? Schließlich hat er uns nach seinem Bilde geschaffen … oder kam der Stoffwechsel erst nach dem Sündenfall und ist daher ein Problem der Schöpfung? Dieser Gedanke ist mir noch nie gekommen! Was täte ich ohne meinen wunderbaren Bruder?! Ich sollte Gott genau beobachten, wenn wir demnächst mal wieder viel Zeit zusammen haben.
„Ich weiß nicht, wann ich mit Jesus angefangen hab. Ich hab noch nie darüber nachgedacht, aber ich hab über alle fast Glaubensfragen, die du mir stellst, noch nie nachgedacht. Wahrscheinlich war ich schon immer ein Jesus-Fan, wie du das nennst.“
Dass Cokko mit dieser Antwort nicht zufrieden ist, kann man ihm leicht ansehen. „Na klar hast du irgendwann damit angefangen! Jeder fängt irgendwann an, mit Jesus zu gehen, oder er tut’s nie, weil er nie zu Gott kommt! Aber du kannst mir nicht erzählen, dass du nie Scheiß gemacht hast.“
„Das behaupte ich ja gar nicht. Aber ich glaub wirklich, dass ich schon immer mit Jesus unterwegs gewesen bin. Wir können Mommi fragen, wenn wir das nächste Mal bei ihr sind, die weiß das bestimmt genau.“
Nun steht er auf. „Entweder gehen wir direkt zu Mommi und essen bei ihr und können sie fragen, oder ich koch jetzt was. Was schlägst du vor?“
136
Apropos Geld, da ist neulich ein Regen auf meinem Konto niedergegangen, den man schon als ausgewachsenen Gewitterschauer bezeichnen muss. Einen Tag vor Eingang der Summe rief mich zu meiner grenzenlosen Überraschung Cora an und teilte mir mit, dass sie sich bei dem Kinderwagenhersteller über die unsichere Bremse an Liobas Gefährt beschwert und mit einer Klage gedroht habe. Der Hersteller habe daraufhin mächtig kalte Füße bekommen und ihr anstandslos einen Betrag von 2.000 Euro als Schadensersatz angeboten.
Weiter berichtete sie, sie habe anklingen lassen, was mir bei der Rettung ihres Kindes vor dem Sturz in die Dornen widerfahren sei – und dabei hat sie offenbar nicht eine Schramme ausgelassen! (65)
Die Herstellerfirma habe unter Entschuldigungen und Versprechungen, die ganze Produktionsreihe zurückzunehmen und erst generalüberholt wieder auf den Markt zu lassen, ganze 2.000 Euro draufgelegt.
Weil Cora der Ansicht ist, dass meine Schmerzen größer waren als ihr Schreck, wolle sie mir also die letztgenannten 2.000 am Stück vermachen, außerdem sei sie mir das schuldig und nun benötige sie meine Kontodaten.
Das ist der lukrativste Knochenbruch, den ich je hatte.
Die Schuhe sind fertig geputzt. Cokko nimmt mir den Besen aus der Hand und fegt den Dreck zusammen. Dann holt er Handfeger und Schaufel und befördert Zeitung und Sand in die Tonne mit den Sägespänen in der Werkstatt.
„Geht das denn mit der Miete, dass du schneller fertig bist mit Sparen?“, erinnert er mich an seine letzte Frage, als er wieder im Flur steht.
Ich schüttele den Kopf. „Das könnte ich so machen. Aber ich hab ein Konto für solche Sparsachen. Da ist schon ein bisschen Geld drauf, das ich auf eine Zeit festgelegt habe, dann bekomme ich mehr Zinsen.“ Ich ziehe meine Schlappen an und wir gehen in die Küche, wo wir uns am Tisch niederlassen.
„Würde ich mein Geld also früher haben wollen, um mir was zu kaufen, auf das ich spare, würde ich nicht so viele Zinsen bekommen. Das hat mir jedenfalls die Sparkassenlady erklärt, als ich neulich bei ihr war.“ Bei ihr klang alles ganz logisch und vernünftig. Jetzt bin ich nicht mehr so sicher. Man kann diesen Leuten, die mit Geld hantieren, irgendwie nie richtig trauen. Schließlich hört beim Geld die Freundschaft auf, sagt man.
„Und wann kannst du zum größtmöglichen Vorteil an dein Geld ran?“, möchte Cokko wissen. Er holt zwei Gläser aus dem Schrank und füllt sie mit O-Saft.
„In drei Wochen.“
„Ah, das dauert ja gar nicht mehr lange. Weißt du schon, welches Schlagzeug du nimmst?“
Ich schüttele noch einmal den Kopf. „Ich wollte erst losgehen und eins aussuchen, wenn ich das Geld habe. Und jetzt könnte ich ja sowieso nichts damit anfangen. Der Gips würde mich noch viel mehr nerven, als er es sowieso tut, wenn hier ein neues Schlagzeug herum stehen würde.“
„Aber was machst du, wenn du vorher ein Schlagzeug findest, das dir total gut gefällt?“
„Gesetzt den Fall, dass etwas total unrealistisches eintritt, weil ich ja nicht vor Ablauf der Frist losgehe, um ein Schlagzeug zu finden und es mir quasi von selbst über den Weg läuft?“, ich warte sein Nicken nicht ab, „In diesem außergewöhnlichen Fall muss ich bei allen netten Leuten betteln gehen.“ Mein Glas ist leer und ich schütte mir erneut Saft ein. Leider gerät die nicht mehr ganz volle Packung bzw. ihr Inhalt aus dem Gleichgewicht und es läuft mehr Saft aus, als in das Glas passt. Der Saft verteilt sich rasch über den Tisch und läuft auf den Fußboden. Schimpfend springt Cokko auf und holt einen Lappen, um die Flut wegzuwischen.
Als die Trockenheit der Küche wiederhergestellt ist, guckt er mich skeptisch an und fragt: „Ist was nicht in Ordnung bei dir?“
Erstaunt sehe ich auf. „Wieso?“, frage ich. Er fragt nicht häufig einfach so mitten am Tag nach meinem Befinden.
Weiter berichtete sie, sie habe anklingen lassen, was mir bei der Rettung ihres Kindes vor dem Sturz in die Dornen widerfahren sei – und dabei hat sie offenbar nicht eine Schramme ausgelassen! (65)
Die Herstellerfirma habe unter Entschuldigungen und Versprechungen, die ganze Produktionsreihe zurückzunehmen und erst generalüberholt wieder auf den Markt zu lassen, ganze 2.000 Euro draufgelegt.
Weil Cora der Ansicht ist, dass meine Schmerzen größer waren als ihr Schreck, wolle sie mir also die letztgenannten 2.000 am Stück vermachen, außerdem sei sie mir das schuldig und nun benötige sie meine Kontodaten.
Das ist der lukrativste Knochenbruch, den ich je hatte.
Die Schuhe sind fertig geputzt. Cokko nimmt mir den Besen aus der Hand und fegt den Dreck zusammen. Dann holt er Handfeger und Schaufel und befördert Zeitung und Sand in die Tonne mit den Sägespänen in der Werkstatt.
„Geht das denn mit der Miete, dass du schneller fertig bist mit Sparen?“, erinnert er mich an seine letzte Frage, als er wieder im Flur steht.
Ich schüttele den Kopf. „Das könnte ich so machen. Aber ich hab ein Konto für solche Sparsachen. Da ist schon ein bisschen Geld drauf, das ich auf eine Zeit festgelegt habe, dann bekomme ich mehr Zinsen.“ Ich ziehe meine Schlappen an und wir gehen in die Küche, wo wir uns am Tisch niederlassen.
„Würde ich mein Geld also früher haben wollen, um mir was zu kaufen, auf das ich spare, würde ich nicht so viele Zinsen bekommen. Das hat mir jedenfalls die Sparkassenlady erklärt, als ich neulich bei ihr war.“ Bei ihr klang alles ganz logisch und vernünftig. Jetzt bin ich nicht mehr so sicher. Man kann diesen Leuten, die mit Geld hantieren, irgendwie nie richtig trauen. Schließlich hört beim Geld die Freundschaft auf, sagt man.
„Und wann kannst du zum größtmöglichen Vorteil an dein Geld ran?“, möchte Cokko wissen. Er holt zwei Gläser aus dem Schrank und füllt sie mit O-Saft.
„In drei Wochen.“
„Ah, das dauert ja gar nicht mehr lange. Weißt du schon, welches Schlagzeug du nimmst?“
Ich schüttele noch einmal den Kopf. „Ich wollte erst losgehen und eins aussuchen, wenn ich das Geld habe. Und jetzt könnte ich ja sowieso nichts damit anfangen. Der Gips würde mich noch viel mehr nerven, als er es sowieso tut, wenn hier ein neues Schlagzeug herum stehen würde.“
„Aber was machst du, wenn du vorher ein Schlagzeug findest, das dir total gut gefällt?“
„Gesetzt den Fall, dass etwas total unrealistisches eintritt, weil ich ja nicht vor Ablauf der Frist losgehe, um ein Schlagzeug zu finden und es mir quasi von selbst über den Weg läuft?“, ich warte sein Nicken nicht ab, „In diesem außergewöhnlichen Fall muss ich bei allen netten Leuten betteln gehen.“ Mein Glas ist leer und ich schütte mir erneut Saft ein. Leider gerät die nicht mehr ganz volle Packung bzw. ihr Inhalt aus dem Gleichgewicht und es läuft mehr Saft aus, als in das Glas passt. Der Saft verteilt sich rasch über den Tisch und läuft auf den Fußboden. Schimpfend springt Cokko auf und holt einen Lappen, um die Flut wegzuwischen.
Als die Trockenheit der Küche wiederhergestellt ist, guckt er mich skeptisch an und fragt: „Ist was nicht in Ordnung bei dir?“
Erstaunt sehe ich auf. „Wieso?“, frage ich. Er fragt nicht häufig einfach so mitten am Tag nach meinem Befinden.
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