16. Juni 2016

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„Er gehört zum Haushalt. Du lebst hier, also bist du für ihn verantwortlich.“
„Dein Messerblock ist auch Teil des Haushalts, und wehe, ich rühre ihn an!“
„Der Messerblock ist mein Privatvergnügen und außerdem kein Lebewesen!“
„Umso schlimmer, dass du dich um den Gummibaum nicht kümmerst und dich drauf verlässt, dass ich es tue!“
„Aus!“, ruft Nieke.
Als hätten wir sie nie zuvor gesehen, betrachten wir sie eingehend, bis sie mindestens so rot ist wie Miloš gerade eben.
Verlegen murmelt sie: „Ich meine ja nur.“
Merle lacht. „Wenn du dir jetzt noch abgewöhnst, dich hinterher zu entschuldigen, hast du den Dreh raus!“
Sie flüchtet mit ihrer Handtasche zum Fenster, holt dort ihr Smartphone heraus und knipst ein paar Fotos. „Ich frage morgen meine Kollegin Marcy, die hat sehr viele Pflanzen.“
Wie es so ihre Art ist, hat sie das leise gesagt. Obwohl wir es vermutlich alle verstanden haben, fragt Miloš übertrieben: „Was hast du gesagt?“
Sie steckt das Gerät zurück in die Tasche, stellt die in den Sessel, baut sich vor Miloš auf und schaut ihn von oben herab an. Ebenso leise wiederholt sie: „Ich habe gesagt, ich frage morgen meine Kollegin Marcy, die hat sehr viele Pflanzen. Verstanden?“
Er lächelt sie an. „Gut so. Setz dich durch. Du musst kein Lautsprecher werden, wir haben genug, aber es gibt keinen Grund, sich zu verstecken.“
Sie murmelt etwas, das wie „Wenn das immer so einfach wäre“ klingt.
Miloš fasst ihre Hand und zieht sie mit „Das müssen die zwei Neugiernasen nicht hören“ in den Flur. Merle und ich gucken uns an. „Der wird bestimmt irgendwann Mentaltrainer oder so was“, sagt sie.
„Oder Sport-, Sprach- oder Musikwissenschaftler, Psychologe, Atomphysiker oder hundert andere Sachen. Voraussetzung ist, dass er kapiert, dass er mehr kann als Brot verkaufen und sich hinsetzt und endlich was mit seinem Leben anfängt.“
„Aha. Du siehst das also auch so.“
„Natürlich sehe ich das so. Der hat in seinem Kopf Kapazitäten wie eine Flugzeughalle und fristet sein Dasein im Schuhkarton.“
„Ich hab schon gemerkt, dass er sehr intelligent ist. Dagegen bin ich dumm, mein Abschluss war so lala.“
„Gegen seine Flugzeughalle sind alle Abschlüsse lala.“ Ich winke ab, denn die beiden betreten den Raum wieder, „Sag mal, Nieke, du hattest vorhin was von einer CD im Proberaum gesagt, worum geht es da? Warum holst du sie nicht einfach?“
„Katy hat sich bei mir einquartiert, weil sie für eine Prüfung büffeln muss und in der WG ist Giannas halbe Familie versammelt. Als ich zuhause losfuhr, habe ich nicht dran gedacht, dass der Schlüssel für den Proberaum am selben Bund ist wie der Haustürschlüssel, den ich natürlich nicht mitgenommen habe, weil Katy mir öffnen wird. Deswegen bin ich zu Merle gefahren, damit sie mir ihren gibt oder mir öffnet.“
„Da hast du aber Glück gehabt, dass sie noch zuhause war.“
„Sonst wäre ich sicher als nächstes hier aufgekreuzt.“
„Willst du meinen haben?“
Zugleich bietet er an: „Soll ich die CD holen?“
„Ach, das wäre ja total lieb“, freut sie sich.
„Er ist halt ein Lieber“, lacht Merle und umschlingt ihn mit beiden Armen.
Ich gehe in die Küche, um mal nach dem Paprikaklein zu sehen und ob die Fische noch mit den Flossen schlagen.

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„Richtig. Es war allerdings Verona, nicht Rom.“
„Aber beides ist in Italien!“
„Und das bei deinen Geografiekenntnissen!“, grinst Miloš.
„Warum, sind die nicht so bedeutend?“, will Nieke wissen.
„Eher ziemlich unbedeutend. Er hat Bosnien und Österreich für Nachbarländer gehalten! Ich will gar nicht wissen, was er sonst noch über die Welt denkt.“
„Bosnien ist aber auch ein Sonderfall“, nimmt Merle mich zur Abwechslung mal in Schutz. Sie kommt mit einer emaillierten Kanne mit Gänsemotiv(375) zur Spüle und ich lasse solange meine Arbeiten ruhen.
Das hört er nicht gern, man sieht es sofort. „Was meinst du mit Sonderfall?“
Sie erklärt: „Als wir alle noch zur Schule gegangen sind – da kriegt man ja seine Allgemeinbildung – war das ein Stück von Jugoslawien. Ein ziemlich unbedeutendes Stück, um deine Worte zu verwenden. Und Jugoslawien grenzte an Österreich.“ Derweil hat sie die Stängel angeschnitten, die Blumen in die Vase gesteckt und mit Wasser aufgefüllt. Sie geht um die Säulen herum und stellt die Blumen auf den Tresen.
„Hast du das also auch geglaubt?“
Gleichermaßen stellt sie Gläser und Getränke hin. „Wenn ich gewusst hätte, wo Bosnien ist, hätte ich das ganz sicher geglaubt.“
Besondere Bekenntnisse erfordern besondere Taten. Ich gehe zu ihr hin, fasse ihr Gesicht und knutsche sie auf die Wange.
„Nimm deine Pfoten von meiner Freundin!“, plustert er sich auf.
Sie strahlt. Dafür bekommt sie noch einen Schmatzer auf die andere Wange.
„Hast du das gesehen?“, wendet er sich empört an Nieke.
„Es war nicht zu übersehen. Du solltest ihm Grenzen aufzeigen.“
„Ich habe Hemmungen. Er ist mein bester Freund.“
„Wie lange noch?“, fragt sie trocken.
Auf einmal grinst er. „Ich mache es anders. Ich warte, bis er eingeschlafen ist. Das passiert ja recht häufig, wenn du dabei bist.“
„Ein Schweigegelübde innerhalb unseres Männerhaushalts wäre vielleicht angebracht!“
„Wenn du aufhörst, meine Freundin zu küssen, wird keins nötig sein.“
„Ich erinnere gerne an die Köchin in dem Yugo-Restaurant in Alkmaar, die du angeblich zum Dank geküsst hast!“
Er weiß es noch genau. „Das war eine rein fachliche Anerkennung!“
„Das hat ihr Mann aber ganz anders gesehen!“ Weil er es nicht längst getan hat, gehe ich zum Angriff über und klemme mir seinen Kopf unter den Arm. Er wehrt sich, kommt aber nicht frei. Heute ist der Feiertag für all die Rachepläne, die ich nie umsetzen konnte! Er kriegt eine Kopfhaut- und Ohrenmassage, bis man den ganzen Raum beheizen könnte.
Aufgeben ist dennoch keine Option für ihn. „Deine wilde Knutscherei soll eine fachliche Anerkennung gewesen sein?“, schnauft er. „Du weißt doch gar nicht, worüber du sprichst, du Geografieversager!“
„Werkzeugpfeife!“
„Bildchengucker!“
Merle trennt uns und hält uns mit ausgestreckten Händen auf Abstand. „Ist gut, Jungs. Außerdem, was hat mein stolzer Niederländer mit Bosnien zu schaffen?“
Er wischt sich den Schweiß vom puterroten Gesicht und ordnet seine Frisur. „Du hast recht, Liebste. Lasst uns über wichtigere Dinge reden. Zum Beispiel über Jeremys sträfliche Vernachlässigung der Sorgfaltspflicht gegenüber dem Gummibaum.“
„Um den du dich in den letzten zehn Monaten, die wir nun schon zusammen wohnen, durchaus hättest kümmern können“, werfe ich ein.
„Ist es meiner oder ist es deiner?“

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„Danke“, lache ich. „Allerdings gibt’s jetzt ein Problem: ich hab keine Vase.“
„Keine Vase?“ Merle kann das nicht glauben. „Überhaupt keine?“
„Warum sollten wir Blumenvasen haben?“, lacht Miloš, „Das hier ist ein Männerhaushalt!“
Ich ergänze: „Du kannst den Putzeimer nehmen, aber guck dich um, vielleicht findest du was besseres.“ Ich habe ja keine große Ahnung von Blumen, aber die hier sind gut. Die meisten blühen orange.
Gleich fängt sie an, die Fächer zu inspizieren.
Nieke guckt ihr belustigt zu. „Immerhin hat euer Männerhaushalt eine Zimmerpflanze.“ Sie weist zum Gummibaum, der sein kümmerliches Dasein auf der Fensterbank fristet.
„Ja. Aber ich weiß gar nicht, wie der das seit Jahren überlebt. Entweder ich vergesse ihn zu gießen oder er muss schwimmen lernen.“ Dabei fällt mir etwas ein: „Du kennst dich doch damit aus. Wie geht man mit so einem Ding um?“
„Warum sollte ich mich mit Gummibäumen auskennen?“
„Du arbeitest doch mit Pflanzen?“
„Nein.“
Merle wendet sich vom Sortiment des Geschirrschranks ab. „Ihr habt Stunden miteinander verbracht und wisst nicht, was der andere arbeitet? Worüber redet ihr die ganze Zeit?“
„Sie hat von ihren Kollegen und dem Chef erzählt und vom Junior und den ganzen Leuten. Und da geht es um Pflanzen. Also denk ich doch, dass sie sich damit auskennt.“
Nieke räuspert sich übertrieben. „Kann das sein, dass du da was durcheinander bringst? Ich bin bei „Bloembergs“, das ist eine Pflanzengroßhandlung. Insofern geht es um Pflanzen, ja. Sozusagen sind sie das Hauptgeschäft. Aber deswegen muss ich mich ja nicht mit Pflanzen auskennen. Ich arbeite im Büro. In der Exportabteilung.“
„Ach so.“ Bevor ich in weitere Untiefen gerate, befasse ich mich lieber mit Dingen, von denen ich mehr Ahnung habe. Dem Essen. Ich bürste Kartoffeln ab und setze sie auf, dann hole ich rote, gelbe, grüne Paprika, grüne, gelbe Zucchini und Auberginen aus der Gemüsekiste, wasche und putze sie.
Miloš sieht das. „Jeremy, bitte! Du willst doch nicht etwa dieses Zeug ins Essen tun?“ Er zeigt vorsichtig auf die Auberginen, als könnten sie sonst nach seinem Finger schnappen. Aus Respekt vor meinen Kochkünsten (und seinem allgemeinen Anstand) hat er versucht, sie wie alles andere zu essen und irgendwann Geschmack dran zu finden, aber Auberginen sind das einzige Gemüse, dem er nichts abgewinnen kann.
„Doch“, lache ich. „Aber du darfst „dieses Zeug“ auf dem Teller lassen.“
„Oder du gibst sie mir“, bietet Merle an. „Die Exportabteilung ist übrigens der Grund, warum sie ungefähr so ein Fremdsprachengenie ist wie du.“
„Welche sprichst du denn?“
Nieke zählt auf: „Deutsch, english, français, italiano e um pouco de português.“
Der alte Angeber sagt was italienisches zu ihr, in dem molto bello vorkommt, das heißt sehr gut(373) und ist demnach veoma dobro. Darauf antwortet sie mit einem mir unverständlichen Satz. Miloš ist er wohl auch unverständlich. „Das ging jetzt ein bisschen schnell“, grinst er. Zu Merle sagt er: „Und was Fremdsprachengenies betrifft, kannst du dich ja auch bald eins nennen.“
„Warum?“, will Nieke wissen.
„Jeden zweiten Tag haben wir Fremdsprachentag. Entweder sie redet nur englisch mit mir oder ich nur serbisch mit ihr. So lernt jeder das, was er nicht kann.“
„Interessantes Modell. Aber welcher Fremdsprachentag ist dann heute?“
„Keiner. Gisterday is de day English to speaken. А сутра ћемо учити српски језик.“(374)
Sein Englisch kann man ohne den Zusammenhang nicht verstehen und auf serbisch könnte er uns sonst was erzählen, niemand kann es nachprüfen. Ich nehme das Gespräch wieder an mich: „Und wegen der Exportabteilung warst du vor ein paar Wochen mit dem Junior in Frankfurt und Rom.“

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Er hält mich auf, „Warte mal.“ Weil ich nicht sofort wie angewurzelt stehe, legt er mir sogar die Hand auf den Arm.
Ich mache mich los.
Er hört zu und sagt ihr was. Und an mich: „Sie möchte, dass du ihr zuhörst.“
„Hab ich undeutlich geredet? Ich will nicht!“
„Sie bittet um Verzeihung für das, was sie getan hat.“
„Aha“, grunze ich. Das sind ja mal ganz neue Töne. Ist sie wirklich einsichtig oder will sie mich damit nur zu etwas bewegen, das sie sonst nicht kriegt? Ich hole die Forellen aus dem Kühlschrank; er weicht aus zum Geschirrschrank. Dann brauche ich das Schneidebrett, das im Geschirrschrank steht. Miloš verzieht sich auf die Terrasse.

Nach einer Weile bringt er das Telefon zurück auf die Ladestation.
Ich weiß schon, was jetzt kommt. Er hat die ganze Geschichte aus ihrer Sicht gehört und weil ein bisschen Zeit vergangen ist, ist sie nicht mehr so emotional und deshalb glaubhafter und daher will er nun auch meine Version erfahren. Was er bisher erfahren hatte, war ja nur, dass ich Schluss gemacht habe – da war er dabei. Aber ich will nicht. Ich will weder mit ihr reden noch mit ihm über sie reden.
Weil ich sehr konzentriert mit den Fischen und ihrem Inhalt beschäftigt bin, nimmt er mir irgendwann das Zeug aus den Händen, dreht mich zu sich um und fragt: „Jeremy. Was ist passiert zwischen euch? Warum kannst du ihr nicht verzeihen?“
Ich will! nicht! darüber reden!
Er schiebt die Kochzutaten zusammen und flankt auf die Arbeitsplatte. Er guckt mir in die Augen (drum hat er sich da hingesetzt, so ist er weiter oben), aber ich gucke weg. „Ich kenne keinen Menschen, der lieber anderen Menschen verzeiht, von so alten und weisen Leuten wie Theodorus und Amalia abgesehen. Aber keinen Gleichaltrigen. Was ist los?“
„Was hat sie dir denn gerade erzählt?“
„Nichts. Nur dass sie nicht versteht, warum du Schluss gemacht hast, vor allem, weil ich ihr glaubhaft versichern konnte, dass du nicht mit Nieke zusammen bist. Aber irgendwas schlimmes muss sie ja getan haben, weshalb du Schluss gemacht hast. Deswegen möchte sie gerne mit dir reden, um es aus der Welt zu schaffen und bittet um Verzeihung.“
Soso. „Und warum hast du mit ihr gestritten?“
„Wir haben nicht gestritten.“
„Klar. Ihr schreit euch immer so an.“
Er verdreht die Augen. „Es ging um andere Sachen.“
„Aha. Aber ich will wirklich nicht drüber reden. Akzeptier das.“
„Aber Vergebung ist total wichtig!“
„Das stimmt, aber ich muss das mit Gott klären, nicht mit dir. Dich geht es nichts an. Und jetzt lass mich in Ruhe kochen.“
„Unter einer Bedingung.“
Ich verdrehe auch die Augen. „Die wäre?“
„Ich darf Merle einladen.“
Gut, dass ich große Forellen gekauft hatte! „Wenn das alles ist!“


zweihundertstes Kapitel

Als sie bei uns eintrudelt, ist sie nicht alleine; Nieke ist bei ihr.
Wir begrüßen uns und ich will wissen: „Wo habt ihr euch getroffen?“
„Sie kam vorbei“, „Ich habe gestern eine CD im Proberaum“, „Ich dachte, du machst vielleicht noch einen Nachtisch“, „Ich will gar nicht lange stören“, „und dann werden wir auch zu viert satt“, reden beide zugleich und Merle überreicht mir in dem Durcheinander einen großen Blumenstrauß. „Bitteschön, lieber Gastgeber! Wir haben uns gedacht, wenn wir nun schon so einen Überfall machen, können wir das wenigstens auf hübsche Weise tun.“