„Hervorragende Frage. Welche Variante ist besser?“
„Wie, welche Variante ist besser? Ich habe das dich gefragt, da bringt es nichts, wenn du mich fragst.“
„Ich frag dich aber. Wenn du die Reise planen würdest, woher würdest du segeln? Denk ein bisschen nach, du weißt ja allen möglichen Kram.“
Er steht wieder auf und bringt den Atlas zum Tisch, blättert zwischen den west- und den osteuropäischen Staaten hin und her und schließt die Überlegungen damit: „Sag es mir. Mir fällt nichts ein, was für die eine und gegen die andere Richtung sprechen würde.“
Ich tippe auf die blaue Fläche am linken Rand der Europakarte. „Da ist die Antwort.“
„Der Atlantik?“ Noch einmal denkt er intensiv nach, aber: „Ich bin eine Landratte. Wenn der Atlantik die Antwort ist, habe ich die Frage nicht verstanden.“
„Nein, im Atlantik ist die Antwort. Wenn wir vom Mittelmeer zur Nordsee fahren, also von Süd nach Nord, wird uns der Golfstrom anschieben. Das fällt nicht sehr auf, außer man streichelt die Katze gegen den Strich. Deswegen geht die Route mit der Uhr.“
„Genial“, sagt er beeindruckt. „Trotzdem bleibt die Frage, wann du los willst. Und was machst du, wenn die Sommerferien vorbei sind und du bist noch gar nicht um Europa herum? Lässt du dein Schiff stehen und segelst im nächsten Sommer von dort aus weiter?“
„Geplant ist, ein ganzes Jahr Auszeit zu nehmen.“
„Du willst deine Stelle kündigen?“
„Nein, eine Auszeit nehmen. Man kann das Jahr nach sieben Jahren im Beruf nehmen, manche nehmen es auch nach zehn oder wie man sich einigt. Es heißt Sabbatjahr.“
„Aber wovon lebst du in dem Jahr? Du kannst ja nicht zugleich durch die Welt segeln und Geld verdienen.“
„Nein, die MBB zahlt es. Zwar sind es nur sechzig Prozent vom jetzigen–“
„Sie zahlen dir Geld, obwohl du gar nicht da bist?“, unterbricht er ungläubig.
„Nicht einfach so. Du vereinbarst mit dem Arbeitgeber, dass du in sieben Jahren das Sabbatjahr nehmen willst. Das gibt es übrigens in vielen sozialen und pädagogischen Berufen. Ein Vertrag wird aufgesetzt, dass du bis dahin auf einen Teil deines Gehaltes verzichtest, den du dann im siebten Jahr ausgezahlt bekommst.“
„Hast du schon angefangen mit den sieben Jahren?“
„Nein. Ich habe bis jetzt nur angefangen mit dem Traum.“ Mit den sieben Jahren und vor allem dem reduzierten Gehalt anzufangen wäre auch bisher wenig klug gewesen. Erst habe ich die Kaap Hoorn geerbt und einiges umgebaut, dann wollte ich ein Schlagzeug haben, jetzt gibt es höhere Monatsmieten und Pläne zum Holzkauf für verschiedene Dinge (sowie eine finanziell schwierige Situation, die ich aber ganz sicher nicht noch einmal ansprechen werde) und so weiter und so fort. Bei so vielen Plänen ist es besser, sein volles Gehalt zu bekommen.
Apropos Geldausgeben, da fällt mir ja noch etwas ein. „Sag mal, wenn du dir einen neuen Anzug kaufen gehst – nimmst du mich dann mit?“
Die Frage überrascht ihn. „Ich dachte, Modegeschäfte und Klamotteneinkaufen interessieren dich nicht? Aber wenn du willst, werde ich dich nicht abhalten.“
5. März 2016
412
„Richtig.“
„Aufgrund der Separationsbemühungen deiner Leute enthält der Pass zwar auch kyrillische Schrift und serbische Sprache“, wiederhole ich wie aus dem Lehrbuch, „aber es gibt auf der ganzen Welt kein Papier, das dich als Serben ausweisen könnte. Serbe bist du im Herzen.“
„Genau“, lächelt er. „Deswegen ist serbisch ja auch die Herzenssprache. Und ab Juni werde ich nicht mehr Bosnier sein, sondern Niederländer.“
„Aber da hab ich mal eine Frage, reg dich jetzt nicht wieder auf. Jetzt bist du bosnischer Serbe. Bist du dann ab Juni niederländischer Serbe?“
„Wenn du ab sofort niederländischer Holländer bist, ja.“
„Das klingt übertrieben“, gebe ich zu. „Wir Holländer sind ja sowieso Niederländer. Du willst also die bosnische Staatsangehörigkeit ganz aufgeben. Aber was machst du, wenn du eines Tages wieder in Bosnien leben willst?“
„Die Frage stellt sich nicht.“
„Aber du bist doch Patriot – wie kannst du die Rechte an deinem Heimatland aufgeben?“
Er hebt die Schultern. „Wenn ich nur eine Staatsangehörigkeit haben kann, will ich die niederländische. Was habe ich mit Bosnien zu tun?“
„Zum Beispiel könntest du eines Tages eine entzückende Bosnierin treffen … vielleicht nicht gerade eine moslemische … und wieder dahin zurück auswandern.“
„Gut. Kann sein. Aber denk mal scharf nach, was ich dir eben noch geschworen habe. Wie hoch sind die Chancen, dass du nach Bosnien auswanderst? Eher gering, würde ich sagen. Wofür brauche ich einen bosnischen Pass?“
Ach, das liegt nun alles an mir? Oh je. Manchmal habe ich Bammel vor seiner Konsequenz. „Ich dachte, es gäb auch eine doppelte Staatsangehörigkeit.“(218)
„Die gab es bis vor ein paar Jahren, sagt Godfried. Man kann sie noch beantragen, aber das kostet sehr viel Geld, über achthundert Euro. Für die einfache zahle ich nur knapp zweihundert.“ Er bringt zwei große Becher und den Topf auf den Tisch.
Ich teste den Kakao. „Mhh, das ist dir aber hervorragend gelungen“, lobe ich.
Er winkt ab. „Gib dir keine Mühe, aus mir wird kein Koch.“
hundertfünfundzwanzigstes Kapitel
Nach dem gestrigen Hochgeschwindigkeitstag ist es mir recht, dass heute nichts los ist. Außerdem ist es der letzte richtige Schulferientag, Montag fängt der Tag wieder drei Stunden früher an als in den vergangenen zwei Wochen.
Von Miloš’ Sport abgesehen gammeln wir den ganzen Tag zuhause herum und denken uns aus, was wir gern mal hätten oder tun würden.
Miloš erneuert seine Liebstes-Reiseziel-Idee von der Vorstellungsrunde auf Dersummeroog. Er will immer noch mit mir nach Schweden und in den Schären segeln (und selber segeln lernen) und Schwedinnen treffen und mir die Mitternachtssonne zeigen. Am liebsten will er alles das im nächsten Sommer schaffen.
Und zu Dragan und Dijana wollen wir ja auch! Da kommen reichlich Kilometer für mich zusammen.
Mein nächstes Ziel ist eher ortsbezogen. Hinterm Haus will ich einen Schuppen bauen, in den wir die Werkbank stellen können. Noch steht sie im Flur und es ist gut, dass wir schlank sind, sonst kämen wir nicht daran vorbei. Zu Merles Glück hat der Flur genug Türen, um den Engpass auch anders umgehen zu können.
Ich erzähle natürlich auch von meinem Europareise-Segeltraum.(219)
„Nimmst du mich mit?“, fragt er sehnsüchtig.
„Na hör mal! Wer von uns beiden ist das Verständigungsgenie, vor allem was Osteuropa betrifft? Natürlich nehme ich dich mit!“
„Wie lange wird die Reise ungefähr dauern?“
„Keine Ahnung.“
Er steht auf und nimmt den Atlas aus dem Bücherregal, „Hast du ein Lineal hier unten? Wir können die Kilometer messen.“
„Eine Landrattenidee“, spotte ich gutmütig. „Was bringt es dir zu wissen, wie lang die Strecke ist, wenn du nicht weißt, welche Windverhältnisse du unterwegs hast?“
„Stimmt.“ Verlegen stellt er das Buch zurück und setzt sich wieder hin. „Willst du mit oder gegen den Uhrzeigersinn reisen?“
„Aufgrund der Separationsbemühungen deiner Leute enthält der Pass zwar auch kyrillische Schrift und serbische Sprache“, wiederhole ich wie aus dem Lehrbuch, „aber es gibt auf der ganzen Welt kein Papier, das dich als Serben ausweisen könnte. Serbe bist du im Herzen.“
„Genau“, lächelt er. „Deswegen ist serbisch ja auch die Herzenssprache. Und ab Juni werde ich nicht mehr Bosnier sein, sondern Niederländer.“
„Aber da hab ich mal eine Frage, reg dich jetzt nicht wieder auf. Jetzt bist du bosnischer Serbe. Bist du dann ab Juni niederländischer Serbe?“
„Wenn du ab sofort niederländischer Holländer bist, ja.“
„Das klingt übertrieben“, gebe ich zu. „Wir Holländer sind ja sowieso Niederländer. Du willst also die bosnische Staatsangehörigkeit ganz aufgeben. Aber was machst du, wenn du eines Tages wieder in Bosnien leben willst?“
„Die Frage stellt sich nicht.“
„Aber du bist doch Patriot – wie kannst du die Rechte an deinem Heimatland aufgeben?“
Er hebt die Schultern. „Wenn ich nur eine Staatsangehörigkeit haben kann, will ich die niederländische. Was habe ich mit Bosnien zu tun?“
„Zum Beispiel könntest du eines Tages eine entzückende Bosnierin treffen … vielleicht nicht gerade eine moslemische … und wieder dahin zurück auswandern.“
„Gut. Kann sein. Aber denk mal scharf nach, was ich dir eben noch geschworen habe. Wie hoch sind die Chancen, dass du nach Bosnien auswanderst? Eher gering, würde ich sagen. Wofür brauche ich einen bosnischen Pass?“
Ach, das liegt nun alles an mir? Oh je. Manchmal habe ich Bammel vor seiner Konsequenz. „Ich dachte, es gäb auch eine doppelte Staatsangehörigkeit.“(218)
„Die gab es bis vor ein paar Jahren, sagt Godfried. Man kann sie noch beantragen, aber das kostet sehr viel Geld, über achthundert Euro. Für die einfache zahle ich nur knapp zweihundert.“ Er bringt zwei große Becher und den Topf auf den Tisch.
Ich teste den Kakao. „Mhh, das ist dir aber hervorragend gelungen“, lobe ich.
Er winkt ab. „Gib dir keine Mühe, aus mir wird kein Koch.“
hundertfünfundzwanzigstes Kapitel
Nach dem gestrigen Hochgeschwindigkeitstag ist es mir recht, dass heute nichts los ist. Außerdem ist es der letzte richtige Schulferientag, Montag fängt der Tag wieder drei Stunden früher an als in den vergangenen zwei Wochen.
Von Miloš’ Sport abgesehen gammeln wir den ganzen Tag zuhause herum und denken uns aus, was wir gern mal hätten oder tun würden.
Miloš erneuert seine Liebstes-Reiseziel-Idee von der Vorstellungsrunde auf Dersummeroog. Er will immer noch mit mir nach Schweden und in den Schären segeln (und selber segeln lernen) und Schwedinnen treffen und mir die Mitternachtssonne zeigen. Am liebsten will er alles das im nächsten Sommer schaffen.
Und zu Dragan und Dijana wollen wir ja auch! Da kommen reichlich Kilometer für mich zusammen.
Mein nächstes Ziel ist eher ortsbezogen. Hinterm Haus will ich einen Schuppen bauen, in den wir die Werkbank stellen können. Noch steht sie im Flur und es ist gut, dass wir schlank sind, sonst kämen wir nicht daran vorbei. Zu Merles Glück hat der Flur genug Türen, um den Engpass auch anders umgehen zu können.
Ich erzähle natürlich auch von meinem Europareise-Segeltraum.(219)
„Nimmst du mich mit?“, fragt er sehnsüchtig.
„Na hör mal! Wer von uns beiden ist das Verständigungsgenie, vor allem was Osteuropa betrifft? Natürlich nehme ich dich mit!“
„Wie lange wird die Reise ungefähr dauern?“
„Keine Ahnung.“
Er steht auf und nimmt den Atlas aus dem Bücherregal, „Hast du ein Lineal hier unten? Wir können die Kilometer messen.“
„Eine Landrattenidee“, spotte ich gutmütig. „Was bringt es dir zu wissen, wie lang die Strecke ist, wenn du nicht weißt, welche Windverhältnisse du unterwegs hast?“
„Stimmt.“ Verlegen stellt er das Buch zurück und setzt sich wieder hin. „Willst du mit oder gegen den Uhrzeigersinn reisen?“
411
Ich finde mich in der Küche wieder, auf den Fliesen liegend, und meine Füße lagern auf dem Tritt. Ich fürchte, ich hab den feierlichen Moment gründlich versaut.
Miloš kniet neben mir. Erleichterung ist in seinem Blick. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du umkippst, wenn du Blut siehst?“
„Deins hat mir nichts ausgemacht.“
„Ja, aber deins. Das hättest du mir vorher sagen können. Hier, halte das bitte einen Augenblick selber fest.“ Er gibt mir meine Rechte, um die eine Menge Küchenpapier gewickelt ist. Dann verlässt er den Raum und kehrt mit einer grünen Plastiktasche zurück. Daraus holt er Verbandsmaterial, versorgt erst meine Hand und dann seine.
„Woher haben wir auf einmal Verbandszeug?“, wundere ich mich.
„Ich habe heute in Alkmaar welches gekauft, aber ich hätte nicht gedacht, dass wir es so bald brauchen würden.“
„Was hat sich in Alkmaar ergeben? Oder warst du nicht bei Toni, ähm, Herr Blaakmans?“
„Erst noch was zum Schwur. Willst du, dass ich einen neuen sage? Deiner war viel stärker als meiner.“
„Hä? Warum willst du einen neuen Schwur sagen? Einer reicht doch?“
„Na ja.“ Er wird richtig verlegen, „Du hast mich gesegnet mit guten Sachen und ich habe nur gesagt, deine Feinde, meine Feinde und so. Als wüsste ich gar nichts von Jesus! Das ist ja kein Gleichgewicht.“
„Doch, ist es. Du hast gesagt, ich soll sagen, was mir wichtig ist. Und das hast du auch getan. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie man Leute bis aufs Blut verteidigt. Das kann lange dauern und ziemlich weh tun, schätze ich. Wie ich dich kenne, meinst du das ernst. Also ist dein Schwur genauso viel wert wie meiner. Ich will keinen neuen hören.“ Damit nehme ich die Füße vom Tritt und setze mich auf. Er streckt mir die Linke hin und mit dieser Hilfe ist es ein Klacks, wieder in die Senkrechte zu gelangen.
„Und jetzt zu Herr Blaakmans, der ab heute Toni für mich ist, denn er hat mir das Du angeboten. Er sagt, ich bin tatsächlich versichert für den Arbeitsweg und er kümmert sich drum, dass ich einen neuen Anzug kaufen kann.“ Miloš macht den Herd wieder an und gibt einen Block Schokolade in die heiße Milch. Dann rührt er, damit nichts anbrennt.
Etwas anderes fällt mir ein: „Gehst du eigentlich noch zu Godfried?“
„Nein. Irgendwann im November hat er gesagt, ich solle nun mal alleine versuchen, den Alltag zu verstehen. Bei dringenden Fragen ist er natürlich gerne für mich da, aber wir treffen uns nicht mehr regelmäßig. Warum fragst du?“
„Du wolltest ja Niederländer werden. Wann wird das soweit sein?“
„Ich sage dir rechtzeitig vorher Bescheid.“
„Ja, aber bitte nicht nur einen Tag vorher. Das muss schließlich gefeiert werden.“
„Vor dem vierundzwanzigsten Mai wird es jedenfalls nichts, weil ich fünf Jahre im Land gelebt haben muss, bevor ich mich einbürgern lassen kann. Es wird wohl Anfang Juni sein.“
Na logo, bloß keine Zeit verlieren. „Woher weißt du noch so genau, dass du am vierundzwanzigsten Mai angekommen bist?“
„Als ich mit meiner Mutter bei den Ämtern war, habe ich nachgefragt. Es war ein Freitag.“
„Und dann du wirst der erste Mensch mit drei Staatsangehörigkeiten sein?“
„Wieso drei?“
„Na, Serbe, Bosnier und Niederländer.“
Miloš stößt kopfschüttelnd die Luft aus. „Jeremy: Herkunft, Nationalität! Merk dir das doch bitte mal. Welche Nationalität habe ich jetzt?“
„Du bist Bosnier.“
Miloš kniet neben mir. Erleichterung ist in seinem Blick. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du umkippst, wenn du Blut siehst?“
„Deins hat mir nichts ausgemacht.“
„Ja, aber deins. Das hättest du mir vorher sagen können. Hier, halte das bitte einen Augenblick selber fest.“ Er gibt mir meine Rechte, um die eine Menge Küchenpapier gewickelt ist. Dann verlässt er den Raum und kehrt mit einer grünen Plastiktasche zurück. Daraus holt er Verbandsmaterial, versorgt erst meine Hand und dann seine.
„Woher haben wir auf einmal Verbandszeug?“, wundere ich mich.
„Ich habe heute in Alkmaar welches gekauft, aber ich hätte nicht gedacht, dass wir es so bald brauchen würden.“
„Was hat sich in Alkmaar ergeben? Oder warst du nicht bei Toni, ähm, Herr Blaakmans?“
„Erst noch was zum Schwur. Willst du, dass ich einen neuen sage? Deiner war viel stärker als meiner.“
„Hä? Warum willst du einen neuen Schwur sagen? Einer reicht doch?“
„Na ja.“ Er wird richtig verlegen, „Du hast mich gesegnet mit guten Sachen und ich habe nur gesagt, deine Feinde, meine Feinde und so. Als wüsste ich gar nichts von Jesus! Das ist ja kein Gleichgewicht.“
„Doch, ist es. Du hast gesagt, ich soll sagen, was mir wichtig ist. Und das hast du auch getan. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie man Leute bis aufs Blut verteidigt. Das kann lange dauern und ziemlich weh tun, schätze ich. Wie ich dich kenne, meinst du das ernst. Also ist dein Schwur genauso viel wert wie meiner. Ich will keinen neuen hören.“ Damit nehme ich die Füße vom Tritt und setze mich auf. Er streckt mir die Linke hin und mit dieser Hilfe ist es ein Klacks, wieder in die Senkrechte zu gelangen.
„Und jetzt zu Herr Blaakmans, der ab heute Toni für mich ist, denn er hat mir das Du angeboten. Er sagt, ich bin tatsächlich versichert für den Arbeitsweg und er kümmert sich drum, dass ich einen neuen Anzug kaufen kann.“ Miloš macht den Herd wieder an und gibt einen Block Schokolade in die heiße Milch. Dann rührt er, damit nichts anbrennt.
Etwas anderes fällt mir ein: „Gehst du eigentlich noch zu Godfried?“
„Nein. Irgendwann im November hat er gesagt, ich solle nun mal alleine versuchen, den Alltag zu verstehen. Bei dringenden Fragen ist er natürlich gerne für mich da, aber wir treffen uns nicht mehr regelmäßig. Warum fragst du?“
„Du wolltest ja Niederländer werden. Wann wird das soweit sein?“
„Ich sage dir rechtzeitig vorher Bescheid.“
„Ja, aber bitte nicht nur einen Tag vorher. Das muss schließlich gefeiert werden.“
„Vor dem vierundzwanzigsten Mai wird es jedenfalls nichts, weil ich fünf Jahre im Land gelebt haben muss, bevor ich mich einbürgern lassen kann. Es wird wohl Anfang Juni sein.“
Na logo, bloß keine Zeit verlieren. „Woher weißt du noch so genau, dass du am vierundzwanzigsten Mai angekommen bist?“
„Als ich mit meiner Mutter bei den Ämtern war, habe ich nachgefragt. Es war ein Freitag.“
„Und dann du wirst der erste Mensch mit drei Staatsangehörigkeiten sein?“
„Wieso drei?“
„Na, Serbe, Bosnier und Niederländer.“
Miloš stößt kopfschüttelnd die Luft aus. „Jeremy: Herkunft, Nationalität! Merk dir das doch bitte mal. Welche Nationalität habe ich jetzt?“
„Du bist Bosnier.“
410
Meine Pause ist zu lang geworden. „In den friedlichen Niederlanden macht man das nicht, he? Aber ich bin kein friedlicher Niederländer.“
„Kann denn ein friedlicher Niederländer ein guter Blutsbruder für einen bosnischen Serben sein?“ Uns trennt mehr als die Nationalität, aber ich glaube, insgesamt verbindet uns mehr als was uns trennt.(217)
„Ja. Das kann ein friedlicher Niederländer. Wenn er will.“
„Aber wir haben eben noch furchtbar gestritten!“
„Genau, wir haben furchtbar gestritten, du weißt jetzt, wie ich sein kann. Deswegen frage ich dich jetzt und nicht ohne den Streit. Außerdem haben wir uns versöhnt. So werden wir nie wieder streiten. Und ich habe beim Streiten wichtige Dinge kapiert. Über dich, über mich. Und als ich draußen war, auch. Also frage ich dich, ob du mein Blutsbruder sein willst.“
„Ja, will ich“, gebe ich meine Zustimmung.
„Gib mir ein Messer.“
„Was willst du damit?“
„Blutsbruderschaft ist kein Vertrag auf Papier, den man mit einem Stift unterschreibt.“
„Willst du mich schneiden?!“, frage ich entsetzt.
„Nicht nur dich, sondern uns beide.“
„Ich dachte … ähm, also, ich will.“
„Gut. Gib mir ein Messer.“
„Was für eins?“
„Ein scharfes. Für Fleisch.“
Ich rutsche von der Arbeitsplatte, nehme das Messer aus nicht rostfreiem Stahl aus dem Block und gebe es ihm. Er hat das Heft schon genommen, aber ich lasse nicht los, weil mir etwas eingefallen ist: „Hast du Aids?“
„Nein.“
„Oder Hepatitis?“
„Nein.“
„Oder irgendwas anderes, was ansteckend ist?“
„Nicht dass ich es wüsste. Und du?“
„Auch nicht.“
„Gib es mir“, sagt er geduldig.
„Ich hatte es vorgestern noch auf dem Stein, du weißt, dass es sauscharf ist.“ Nach dieser abschließenden Warnung lasse ich den hölzernen Griff endlich los.
Er fasst meine rechte Hand und schneidet in den Handballen. Der Schmerz ist erträglich, der Anblick meines sofort hervorperlenden Blutes eher nicht. Ich überlege noch, wie ich das auf einigermaßen würdevolle Art vermittle, als er sich auch schon geschnitten hat und mit der Linken meine Rechte mit seiner zusammen geführt hat. Kein Blut mehr zu sehen.
„Mein Bruder Jeremy“, sagt er leise.
Weil ich immer noch auf die Hände gucke, fasst er mein Kinn und hebt meinen Kopf.
„Reicht das da mit dem Blut noch nicht?“, frage ich verwirrt.
„Nein, das reicht noch nicht. Es ist nur die Hälfte. Schau mich an.“ Als ich es tue, spricht er weiter. „Mein Bruder Jeremy, ich schwöre: Niemals werde ich dich verlassen. In Krieg und Frieden will ich an deiner Seite sein. Deine Feinde sind meine Feinde und deine Freunde sind meine Freunde. Ich werde deine Frau achten und deine Kinder schützen und sie alle bis aufs Blut verteidigen. Mein Leben ist nichts wert ohne dein Leben.“
„Ist das ein ritueller Blutsbruderschaftsschwur, muss ich das jetzt auch sagen? Ich bin noch nie Blutsbruder geworden, ich weiß so was nicht.“
„Entspann dich“, lächelt er. „Sei ganz du selbst.“
„Okay, dann sag ich das, was mir wichtig ist, ja?“
„Mach das.“
„Mein Bruder Miloš. Ich will für dich da sein, wenn du mich brauchst. Ich will dir helfen, unseren gemeinsamen Blutsbruder Jesus verstehen zu lernen. Ich segne dich mit Frieden für deine Seele. Ich segne dich mit Heilung für dein Herz. Ich segne dich mit Selbstannahme. Ich segne dich mit einer Arbeit, die du gerne machst und die Geld bringt, damit du nie wieder pleite sein musst. Ich segne dich mit Weisheit für deine nächste Beziehung. Ich segne dich damit, die richtige Frau zu finden und glücklich mit ihr zu sein. Und ich segne dich damit, dass Alkohol und Drogen unwichtig werden für dein Leben.“
Er hält meine Rechte noch fester und zieht mich zu sich.
Ich höre sein Herz klopfen. Irgendwann räuspere ich mich. „Du hast jetzt übrigens nicht nur einen Bruder, sondern sechs.“
„Fünf“, korrigiert er mich.
„Sechs“, korrigiere ich ihn. „Vom jüngsten her sind das: Chris, Bas, Adrien, Cornelius, Jeremy und Milan, der leider nicht mehr lebt.“
„Du zählst ihn mit“, stellt er gerührt fest.
„Schwur ist Schwur.“
„Ihr hättet euch gemocht.“ Jetzt löst er seine Hand von meiner, um zwei Stücke von der Küchenrolle abzureißen.
Ich kann nicht anders als auf das Blut zu gucken. Ich höre mich noch „Davon gehe ich aus“ sagen, dann wird alles schwarz um mich.
„Kann denn ein friedlicher Niederländer ein guter Blutsbruder für einen bosnischen Serben sein?“ Uns trennt mehr als die Nationalität, aber ich glaube, insgesamt verbindet uns mehr als was uns trennt.(217)
„Ja. Das kann ein friedlicher Niederländer. Wenn er will.“
„Aber wir haben eben noch furchtbar gestritten!“
„Genau, wir haben furchtbar gestritten, du weißt jetzt, wie ich sein kann. Deswegen frage ich dich jetzt und nicht ohne den Streit. Außerdem haben wir uns versöhnt. So werden wir nie wieder streiten. Und ich habe beim Streiten wichtige Dinge kapiert. Über dich, über mich. Und als ich draußen war, auch. Also frage ich dich, ob du mein Blutsbruder sein willst.“
„Ja, will ich“, gebe ich meine Zustimmung.
„Gib mir ein Messer.“
„Was willst du damit?“
„Blutsbruderschaft ist kein Vertrag auf Papier, den man mit einem Stift unterschreibt.“
„Willst du mich schneiden?!“, frage ich entsetzt.
„Nicht nur dich, sondern uns beide.“
„Ich dachte … ähm, also, ich will.“
„Gut. Gib mir ein Messer.“
„Was für eins?“
„Ein scharfes. Für Fleisch.“
Ich rutsche von der Arbeitsplatte, nehme das Messer aus nicht rostfreiem Stahl aus dem Block und gebe es ihm. Er hat das Heft schon genommen, aber ich lasse nicht los, weil mir etwas eingefallen ist: „Hast du Aids?“
„Nein.“
„Oder Hepatitis?“
„Nein.“
„Oder irgendwas anderes, was ansteckend ist?“
„Nicht dass ich es wüsste. Und du?“
„Auch nicht.“
„Gib es mir“, sagt er geduldig.
„Ich hatte es vorgestern noch auf dem Stein, du weißt, dass es sauscharf ist.“ Nach dieser abschließenden Warnung lasse ich den hölzernen Griff endlich los.
Er fasst meine rechte Hand und schneidet in den Handballen. Der Schmerz ist erträglich, der Anblick meines sofort hervorperlenden Blutes eher nicht. Ich überlege noch, wie ich das auf einigermaßen würdevolle Art vermittle, als er sich auch schon geschnitten hat und mit der Linken meine Rechte mit seiner zusammen geführt hat. Kein Blut mehr zu sehen.
„Mein Bruder Jeremy“, sagt er leise.
Weil ich immer noch auf die Hände gucke, fasst er mein Kinn und hebt meinen Kopf.
„Reicht das da mit dem Blut noch nicht?“, frage ich verwirrt.
„Nein, das reicht noch nicht. Es ist nur die Hälfte. Schau mich an.“ Als ich es tue, spricht er weiter. „Mein Bruder Jeremy, ich schwöre: Niemals werde ich dich verlassen. In Krieg und Frieden will ich an deiner Seite sein. Deine Feinde sind meine Feinde und deine Freunde sind meine Freunde. Ich werde deine Frau achten und deine Kinder schützen und sie alle bis aufs Blut verteidigen. Mein Leben ist nichts wert ohne dein Leben.“
„Ist das ein ritueller Blutsbruderschaftsschwur, muss ich das jetzt auch sagen? Ich bin noch nie Blutsbruder geworden, ich weiß so was nicht.“
„Entspann dich“, lächelt er. „Sei ganz du selbst.“
„Okay, dann sag ich das, was mir wichtig ist, ja?“
„Mach das.“
„Mein Bruder Miloš. Ich will für dich da sein, wenn du mich brauchst. Ich will dir helfen, unseren gemeinsamen Blutsbruder Jesus verstehen zu lernen. Ich segne dich mit Frieden für deine Seele. Ich segne dich mit Heilung für dein Herz. Ich segne dich mit Selbstannahme. Ich segne dich mit einer Arbeit, die du gerne machst und die Geld bringt, damit du nie wieder pleite sein musst. Ich segne dich mit Weisheit für deine nächste Beziehung. Ich segne dich damit, die richtige Frau zu finden und glücklich mit ihr zu sein. Und ich segne dich damit, dass Alkohol und Drogen unwichtig werden für dein Leben.“
Er hält meine Rechte noch fester und zieht mich zu sich.
Ich höre sein Herz klopfen. Irgendwann räuspere ich mich. „Du hast jetzt übrigens nicht nur einen Bruder, sondern sechs.“
„Fünf“, korrigiert er mich.
„Sechs“, korrigiere ich ihn. „Vom jüngsten her sind das: Chris, Bas, Adrien, Cornelius, Jeremy und Milan, der leider nicht mehr lebt.“
„Du zählst ihn mit“, stellt er gerührt fest.
„Schwur ist Schwur.“
„Ihr hättet euch gemocht.“ Jetzt löst er seine Hand von meiner, um zwei Stücke von der Küchenrolle abzureißen.
Ich kann nicht anders als auf das Blut zu gucken. Ich höre mich noch „Davon gehe ich aus“ sagen, dann wird alles schwarz um mich.
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