5. März 2016

409

hundertvierundzwanzigstes Kapitel

Es kommt mir vor, als sei er tagelang weg gewesen, dabei war es vielleicht nicht mal eine Stunde. Ich lasse ihm keine Zeit, die triefenden Sachen auszuziehen und sich zu trocknen, sondern ich muss es sofort wissen: „Verzeihst du mir?“
„Ja.“
Erleichtert stoße ich die Luft aus.
„Ja“, sagt er leise, „geht mir genauso. Mach das bitte nie wieder. Weißt du, bei so einem Streit … das erinnert mich an meinen Vater. Ich rede Sätze wie er und höre in jedem Wort seine Stimme. Dann will ich sofort aufhören zu streiten, weil ich nie werden wollte wie er. Aber es geht nicht, ich kann nicht aufhören.“
Mein Inneres springt auf und ruft Aha!, weil auf einmal alles logisch ist. Zugleich sage ich auch „Aha!“ und mein Zeigefinger schnellt nach oben, bis auf seine klitschnasse T-Shirt-Brust.
„Was hast du denn?“, fragt er belustigt und endlich ist sein übliches Grinsen wieder da.
„Ich habs kapiert. Ich weiß jetzt, warum du mit Helena Schluss gemacht hast. Ihr habt gestritten, vermutlich über mich, zum Beispiel wollte sie, dass du zu ihr hältst und nicht zu mir, und dann ist der Streit immer doller geworden und sie hat dir gesagt, was du zu tun hast und du hast Sätze wie dein Vater gesagt und irgendwann hast du auch Bock gehabt, ihr eine zu scheuern, weil sie so nicht mit dir umgehen soll, und da hast du Angst vor dir selber gekriegt und hast deine Sachen gepackt und bist gegangen.“
Er schaut mich seltsam an.
„War es anders?“, frage ich irritiert.
„Nein“, sagt er. „Es war genau so, wie du gesagt hast. Aber woher weißt du das?“
„Ich kenne dich. Und sie auch. Die ganze Kiste ist für dich so schwierig, weil du sie immer noch lieb hast. Aber in so eine Situation willst du nie wieder geraten.“
„Ja.“
„Und jetzt willst du endlich über was anderes reden“, versuche ich mich in der Kunst des Mitbewohner-Gedankenlesens.
„Das hast du messerscharf erkannt.“ Er zieht die nassen Sachen aus, hängt sie im Bad auf und geht nach oben, um sich trockene zu holen.

Kurz darauf finde ich ihn in der Küche. Die Pfütze an der Terrassentür hat er weggeputzt.
„Willst du auch eine heiße Schokolade?“, fragt er. „Milch kochen kann ich ja.“
„Gerne.“
Ich sehe ihm zu, wie er den Topfboden mit Wasser bedeckt und dann Milch darauf gibt(216), den Herd anmacht und den Topf auf die Flamme stellt. Weil rumstehen blöd ist, setze ich mich neben ihm auf ein freies Stück Arbeitsplatte. Man sitzt recht gut so weit oben. Nur dass ich in meiner Küche natürlich viel höher sitze als in Merles. Ach ja: „Glaubst du mir, was ich dir eben zu Merle gesagt habe?“
Er nickt. „Ich hatte mir nach der Sache mit Lisanne und Zoran vorgenommen, genauer hinzugucken, damit ich nicht wieder so überrascht werde. Anscheinend habe ich es jetzt übertrieben. Entschuldige bitte.“
Ich wische das mit einer Handbewegung weg. „Sollte es eines Tages doch dazu kommen, dass wir ein Paar werden … oder ich mit irgendeiner anderen Dame was anfange … erfährst du es als erster. Okay?“
„Genau das habe ich letzten Sommer zu dir gesagt, als es um Helena und mich ging. Zehn Tage später waren wir zusammen.“
„Hab keine Angst. Du bist mein Freund.“
Er schnauft aus. Holt tief Luft. Hält sie an. Lässt sie wieder ab. Während ich mich frage, welche Achterbahnkurve dieser Tag als nächstes nehmen wird, wiederholt er die Luftprozedur noch einmal. Dabei guckt er mich die ganze Zeit nicht an. Dann dreht er die Flamme unterm Milchtopf aus und hebt den Blick. „Jeremy … wahrscheinlich ist das affig für dich, aber“ er atmet erneut tief durch, „Ich will, dass du mein Blutsbruder wirst.“
Du liebe Zeit.

408

Er brummt etwas, das wie „grzksch“ klingt, wahrscheinlich irgendwas serbisches. Serbische Wörter kommen bisweilen ohne Vokale aus.
„Übrigens wollte ich mit dir übers Geld reden. Ich will, dass wir zu einem vernünftigen Umgang damit kommen. Diese Verbrauchsliste, die du hier eingeführt hast, ist völlig schwachsinnig. Es interessiert mich nicht, was ich gezahlt habe und was du davon verbraucht hast und umgekehrt. Und wenn einer mal weniger Geld hat im Monat, will ich nicht, dass wir auf Sachen verzichten, bloß weil einer seinen üblichen Anteil nicht zahlen kann.“
„Was stellst du dir stattdessen vor?“
„Wir eröffnen ein gemeinsames Konto.“
„Davon halte ich nichts. Außerdem wird es davon auch nicht mehr Geld.“
Das stimmt zwar, aber: „Du bist ja nur dagegen, weil du weniger hast als ich. Hättest du gleich viel oder mehr als ich, wäre es kein Problem für dich“, stelle ich eine nicht allzu gewagte These in den Raum. „Mit Helena hatte ich auch ein gemeinsames Konto und es hat gut geklappt, obwohl wir unterschiedlich viel Geld hatten.“
„Das ist ja nun mal was ganz anderes. Wir sind kein Paar.“
„Aber eine Lebensgemeinschaft, denn wir wohnen zusammen, also könnte man das schon vergleichen. Denk mal drüber nach. Ich sehe da wie gesagt nur Vorteile.“
„Ich halte wie gesagt nichts davon.“
„Willst du es dir nicht mal in einer ruhigen Minute überlegen?“
Miloš atmet tief ein. „Mein lieber Freund“, sagt er ruhig, „wenn ich sage, ich halte nichts davon, werde ich auch nach hundert ruhigen Minuten Nachdenkerei nicht mehr davon halten. Falls du das nicht verstehst, sage ich es dir anders: Ich will nicht. Kapiert?“
„Aber warum denn nicht?“
„Weil ich nicht will!“, schnauzt er mich abrupt an.
„Und warum schreist du schon wieder so rum?“
„Weil du, wenn du von einer Sache überzeugt bist, überhaupt kein Nein kennst! Erst recht, wenn du glaubst, diese Sache könnte deinen Mitmenschen helfen! Das hängt mir so zum Hals raus! Wehe, jemand will sich nicht helfen lassen! Dann nervst du so lange rum, bis du endlich deinen Willen kriegst! Das ist keine Hilfe, das ist eine Zwangsjacke!“
„Aha, ich nerve dich also. Glaubst du, mich nervt es nicht, dass du ständig kein Geld hast? Und da biete ich dir an, gemeinsame Kasse zu machen, damit es nicht mehr auffällt, ob du pleite bist, und, was hältst du davon? Nichts. Ohne Gründe. Sehr großartig! So macht man keine Kommunikation!“(215)
„Wenn deine Kommunikation so geht, dass ich nachgebe, sind mir die Regeln scheißegal!“
„Darum geht es doch gar nicht!!“
„Ach ja, worum geht es denn sonst? Willst du mir eine freie Entscheidung lassen? Darf ich dagegen sein?“
„Ich verstehe nicht, warum du immer dagegen sein musst! Ich biete dir ein gemeinsames Konto an, und du bist dagegen! Erklär mir warum!“
Miloš ballt die Fäuste, dreht sich weg, schnaubt wie ein Drache, wendet sich zu mir um und holt Luft, aber dann stürmt er aus dem Raum.
Ich hinterher. Im Flur packe ich seinen Arm, „Du bleibst gefälligst hier!“
Mit vor Zorn dunkelrotem Gesicht sagt er: „Jeremy, das habe ich dir noch nie gesagt, aber jetzt sage ich es dir: Reiz. Mich. Nicht. Sag mir nicht, was ich zu tun habe. Ich bin gerade meinem Vater entkommen, da wirst du nicht genauso weiter machen wie er. Verstanden?“
Noch nie hat er mir derart deutlich eine Grenze aufgezeigt. Diese Grenze ist nicht nur ein Zäunchen, das man in die Landschaft stellt, sondern die allerletzte Warnung. Es erschreckt mich, dass ich offenbar alle Grenzen davor schon überrannt habe, ohne es zu merken.
„Hast du mich verstanden?“, will er wissen.
„Ja.“
Er geht in die Küche, Sekunden später höre ich die Terrassentür.
Ich renne wieder hinterher. „Wo willst du hin?“, rufe ich ihm nach.
„Luft holen.“
Ich sehe, wie er sich durch den strömenden Regen auf dem Trampelpfad zwischen den Wiesen entfernt, ohne Jacke und an den Füßen nur die Schlappen, die er als Hausschuhe nutzt. Ich habe Angst. Muss das so sein, dass ich, wenn ich mit jemandem zusammen wohne, die Grenzen übertrete und das Gegenüber in die Ecke treibe, bis es nur noch einen Ausweg sieht, nämlich die Flucht nach vorn? Seine Ansage war nichts anderes. Was, wenn wir eines Tages so doll streiten, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben will?

407

Zuhause räume ich die Einkäufe weg und setze Teewasser auf, danach verziehe ich mich mit Lucky Luke und seinem Pferd in den Sessel. Ich muss dran denken, Merle noch mal nach dem Sofa zu fragen. Vielleicht hat sie ja inzwischen etwas gehört.
Jetzt betritt Miloš das Haus.
„Na, wie war es geschäftlich in Alkmaar?“, erkundige ich mich.
Er wirft mir zwar einen Blick zu, geht aber ohne ein Wort in die Küche.
Ich folge ihm. „Ist irgendwas?“
„Was soll sein?“
„Du guckst finster und du schweigst. Was war los in Alkmaar?“
„Nichts.“ Er macht sich was zu essen und knallt dabei die Schranktüren und Schubladen.
„Kannst du bitte etwas pfleglicher mit meiner Küche umgehen?“
„Ja“, knurrt er.
„Du bist stinksauer. Was war los in Alkmaar?“
„Nichts war los in Alkmaar und jetzt hör auf mich zu interpretieren.“
Ich setze mich wieder mit meinem Buch in den Sessel, aber lesen kann ich nicht. Merkt er nicht, dass es hier doppelt so still ist wie sonst? Von wegen … Er macht unnötig viel Lärm in der Küche, denn er ist geladen. Es qualmt ihm förmlich aus den Ohren. Aber ich darf ja nicht nachfragen und auch nicht interpretieren. Na ja, vielleicht liege ich wirklich falsch und es hat nichts mit Alkmaar zu tun. Aber warum redet er denn nicht mit mir?
Manchmal ist es mir ziemlich einsam zumute in dieser Wohngemeinschaft. Dann sehne ich mir Pieter zurück. Mit dem war das Leben einfacher. Wir kennen uns viel länger und außerdem sind wir nicht so unterschiedlich.

Ich gehe in die Küche, um mir ein Glas Apfelsaft zu holen.
Frostig und ohne mich anzugucken sagt er: „Der springende Punkt ist der, dass ich gestern Abend und heute in Alkmaar kapiert habe, woran ich mit dir bin.“
„Wie – woran du mit mir bist?“
„Jetzt tu nicht so unschuldig!“, schreit er gleich los.
„Ich weiß gar nicht, was du von mir willst!“
„Ich rede davon, dass du mir nicht gesagt hast, dass ich neuerdings der einzige Single in der Band bin, und stell dir mal vor, darauf habe ich überhaupt keinen Bock! Du hättest es mir vorher sagen können, dass es so ist, aber nein, ich muss es selber feststellen. Den ganzen gestrigen Tag spielt ihr mir was vor und abends am Strand sehe ich zufällig, wie ihr Händchen haltet und rumkuschelt, schön versteckt, um es vor mir geheim zu halten, aber für wie blöd hältst du mich eigentlich?“
„Zwischen Merle und mir läuft nichts, sie ist doch überhaupt nicht mein Typ!“
„Genau so sah das heute aus, als ich sie in der Firma gesehen habe.“
„Wieso, was hat sie denn gesagt?“
„Gesagt hat sie nichts, aber die ganze Zeit herum geträllert und verliebt geguckt! Ich gönne es euch ja, weißt du, aber ich finde es total scheiße, dass du mir nichts davon gesagt hast!“
„Ich kann dir nichts davon gesagt haben, weil es nichts zu sagen gibt. Entweder glaubst du mir, was ich dir sage, oder du glaubst das, was du in Merles Blicken gesehen haben willst, aber ich sage dir, wir sind nicht zusammen und ich bin auch nicht in sie verknallt. Außerdem: wenn es dich so wahnsinnig aufregt, warum hast du nicht schon gestern danach gefragt? Für wie blöd hältst du mich?“
Das übergeht er. „Und was habt ihr dann am Strand gemacht?“
„Ihr war kalt, aber das kannst du ja nicht nachvollziehen. Deswegen habe ich sie in den Arm genommen. Um-sie-zu-wär-men!“, betone ich jede Silbe. „Ich kann sie nicht wärmen, wenn ich einen Meter von ihr entfernt stehe. Okay? Glaubst du mir jetzt?“
„Und warum hat sie heute so verliebt geguckt?“
„Das musst du sie schon selber fragen.“

406

„Nein, tut mir leid. Ich habe kein Geld mehr.“
„Wieso, es ist doch Anfang des Monats?“
„Aber gestern habe ich mir ein Handy gekauft, das musst du noch wissen, sonst hättest du ja nicht diese Nummer gewählt, sondern die alte.“
„Aber du hattest doch mehr als fünfzig Euro!“
„Aber jetzt ist es weg! Ich habe es für andere Dinge ausgegeben als für Brot!“
„Kannst du dir nicht was leihen?“
„Bei wem soll ich mir was leihen? Außerdem kannst du doch mal für zehn Minuten deine Putzkolonne verlassen und zum Bäcker gehen! Du musst schließlich dieses Biobäckerbrot haben und es darf nicht aus dem Supermarkt sein!“
„Ja, das muss ich dann wohl tun“, stelle ich kühl fest und verabschiede mich.
Das geht mir ganz arg auf die Nerven. Die Hälfte der Zeit kann er irgendwelche Dinge nicht kaufen, weil er pleite ist. Warum kann er sein weniges Geld nicht besser einteilen? Gut, dass ihm das Handy geklaut wurde, ist nicht seine Schuld, aber warum nimmt er nicht einen zusätzlichen Job, für den er flexibel genug ist?
Steven hat nämlich im Herbst eine andere Aushilfe eingestellt, die flexibler auf die zeitlichen Anforderungen der Großbäckerei reagieren kann, und seit im russischen Supermarkt eine Polizeirazzia stattgefunden hat, bei der sich herausstellte, dass gut ein Drittel der Mitarbeiter keine gültige Aufenthaltsgenehmigung hat und der Besitzer noch dazu das Finanzamt beschissen hat, ist der Laden geschlossen. Da lässt sich also auch nichts mehr verdienen.
Er kann allen möglichen Kram und hat jede Menge Kontakte und nutzt nichts davon. Ich begreife es nicht, vor allem weil es ihm ja auch selber auf den Geist geht, dass er immer so knapp bei Kasse ist. Gestern habe ich ihm das Eintrittsgeld fürs Schwimmbad schon fast aufzwingen müssen, damit er wenigstens im Restaurant selber zahlen konnte! Nie im Leben hätte er zugelassen, dass Merle und ich zusammenlegen, um seine Zeche zu zahlen!
Das geht schon so, seit wir gemeinsam wohnen. Mit dem Umzug hat sich seine wirtschaftliche Situation erst verschärft, weil die anteilige Miete natürlich höher ist, dann hat sie sich etwas entschärft, als er mit den Raten für den Führerschein fertig war, aber als nächstes wird er einen neuen Anzug kaufen, und selbst wenn er versichert ist und Toni etwas dazugibt, wird das keinen ganzen Anzug ergeben. Wir müssen eine andere Lösung finden. Meine finanziellen Ressourcen sind ja auch nicht endlos, auch wenn ich durch die Jahre in der vergleichsweise kleinen Wohnung immer etwas habe zurücklegen können.

Nachdem ich den Kollegen mitgeteilt habe, warum ich sie kurz verlassen muss, habe ich einen Zettel voll weiterer Wünsche aufschreiben dürfen und anschließend – begleitet von kräftigen Regengüssen – einen Großeinkauf zurück zur MBB geschleppt. Von kurz verlassen konnte da keine Rede mehr sein.
Grietje und Bernard haben die großen Schränke ausgeräumt und ausgewischt, das trifft sich gut, denn jetzt können wir sie noch von den Wänden abrücken und dahinter putzen. Die Reinigungskräfte, die sonst bei uns wirken, können sich nicht darum kümmern, außerdem sind ja auch meist noch irgendwelche großen und kleinen Leute anwesend, da bleibt keine Ruhe, um einen ganzen Schrank zu leeren.
Shelley hat in der Zwischenzeit die Fundstücke sortiert; wenn das nächste Mal ein Puzzle gelegt wird und ein Teil fehlt, kann man direkt in der entsprechenden Dose nachsehen und vielleicht kann man zusammen bringen, was zusammen gehört. Ansonsten ist es vielleicht einfach mal an der Zeit, etwas wegzuwerfen. Wir sind ja nicht bei armen Leuten!

Auf dem Heimweg erledige ich meine restlichen Einkäufe (gut, dass ich eben schon Brot geholt habe, denn der Lieblingsbäcker schließt recht früh) und überlege mir unterwegs, was ich heute kochen will. Aber eigentlich will ich nicht. Ich habe mittags warm gegessen und Miloš hat sicher in Tonis Küche was bekommen. Und wenn nicht, wird er auch nicht verhungert sein, selbst wenn er pleite ist.