13. März 2016

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„Ich wusste, dass du das fragst und habe dir eine Probe mitgebracht.“ Sie steht auf und nimmt ein Glastellerchen vom Tablett, auf dem eine goldgelbe, geleeartige Masse ist. Dazu bekomme ich ein Löffelchen. „Sag mir vier Zutaten.“
Ich teste. Das ist einfach. „Mango. Chili. Apfel. Zimt. Curry.“ Ich nehme noch ein Löffelchen voll und schließe konzentriert die Augen. „Essig? Nein, fruchtiger. Zitrone? Limone. Kardamom, vielleicht Nelken. Und ganz am Rand noch … hm … wahrscheinlich Portwein.“
„Oh weia, da muss ich erst Xavier fragen, ob die alle richtig sind. Ich habe nur Mango, Chili, Apfel und Curry gewusst.“
„Ich bin kein Chutney-Freund, aber das ist sehr gut.“
Sie kichert. „Immerhin sagst du nicht Gewürzmarmelade.“
„Wieso, wer sagt denn so was?“
„Unser werter Alleskönner-Bassist. Gestern Abend, als er sich hier mit Toni und Felix getroffen hat. Xavier war noch da und hat uns alle probieren lassen. Wir stehen hier so rum und testen und finden es gut und da sagt er: Gewürzmarmelade.“
Jetzt muss ich lachen. „Glaubst du wirklich, dass er alles kann?“
„Nein“, lacht sie mit, „aber er tut so.“
Das Telefon klingelt und ruft sie zurück an die Arbeit.
Ich nehme mir Mineralwasser und lese, was auf dem Etikett der Flasche steht. Die Hälfte davon kann ich nicht lesen, denn es sind arabische Schriftzeichen. Die Chancen stehen gut, dass es aus der Wüste kommt. Das ist verrückt.(251)
Dann trinke ich den Kaffee und kurz danach kommt Toni durch die private Tür herein. Er ist älter als ich, schlank, hat kurze dunkle Haare und trägt eine Brille.
„Jeremy, hast du gut hergefunden? Wie schön, dass es so schnell gelungen ist.“
„Danke für die Einladung.“
„Hat Merle dir schon was gezeigt oder gab es nur Kaffee für dich?“ Er sieht das Tablett und schmunzelt, „Ah, Xaviers neueste Kreation hast du auch schon probiert. Na immerhin. Komm, ich zeig dir meine Arbeit.“ Er öffnet die Tür, lässt mich vorgehen und da fällt es mir auf. Er hat keine linke Hand. Der Unterarm endet knapp nach dem Ellbogen. Puh. Wie ist denn das passiert? Wir gehen durch einen Flur, von dem links und rechts je zwei Türen abzweigen. Geradeaus landen wir in der Küche.
„Xavier?“, ruft Toni, und zu mir sagt er: „Er war eben noch hier.“
Die Schwingtür am anderen Ende des Raumes geht auf und ein massiger Schwarzer mit rosa Teig an den Händen kommt herein. Seine weiße Kleidung bildet einen beeindruckenden Kontrast zu seiner Hautfarbe.
„Xavier, mein Lieblingskoch, und Jeremy, Merles Lieblingskoch“, stellt er uns vor.
Wir nicken uns zu, denn er hat ja keine Hand frei. „Merles Lieblingskoch! In meiner Küche!“, lacht er und mustert mich. Seine Stimme passt nicht recht zu so einem großen Kerl; sie ist ganz sanft. „Gut, dass wir keine Hunde sind. Sonst müssten wir uns jetzt böse anknurren, weil du in mein Revier eingedrungen bist.“
„Wartet damit bis nachher“, mischt Toni sich ein. „Erst will ich dir noch alles zeigen.“
Wir verlassen die Küche durch eine weitere Tür und stehen im Lager. „Hier sind die Kühlkammern“, Toni weist auf drei geschlossene Isoliertüren, „und da lagern getrocknete Waren und Konserven, halt das ganze Zeug, das so täglich rein und raus geht. Hat Merle dir die Gewichtungen meines Geschäfts erzählt?“
„Gewichtungen? Nein, hat sie nicht.“

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