13. März 2016

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Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sie das alles sagt, um ihn aus der Reserve zu locken. Um das Gegenteil zu erreichen. Sie will nämlich doch damit konfrontiert werden. Sonst hätte sie ja gar nicht erst davon angefangen. Ist sie hormonell überversorgt?
Zum Glück redet sie nun von etwas anderem: „Fahrt ihr im Sommer wieder hin?“
„Nein, dann wollen wir nach Schweden.“
„Warum denn nach Schweden?“
„Weil ich da noch nie war, weil er mir die Mitternachtssonne zeigen will, weil er segeln lernen will, weil wir beide hübsche Schwedinnen treffen wollen. Denk dir, da kannst du auch nicht mitkommen. Aber warum sind wir heute hier? Machen wir Musik?“
Niemand hört mir zu, denn sie fragt Miloš: „Wann warst du denn in Schweden?“
„Noch gar nicht.“
„Aber wieso fahrt ihr hin, weil Jeremy noch nie da war, wenn du auch noch nie da warst?“
„Na und? Er war noch nie in Schweden und ich will ihm die Mitternachtssonne zeigen. Das sind zwei Paar Schuhe. Es heißt nicht automatisch, dass ich in Schweden gewesen sein muss. Hauptsache, ich habe irgendwo auf der Welt die Mitternachtssonne erlebt.“
„Stimmt“, macht sie. „Und wo hast du sie erlebt?“
„In Russland.“ Merle holt schon Luft, um etwas zu sagen, aber er kommt ihr grinsend zuvor: „Jetzt willst du wissen, wo ich war und was ich da gemacht habe, ja?“
Sie macht eine auffordernde Handbewegung.
„Ich war in Murmansk, das ist an der Barentssee–“
„Der Barents, das war einer von uns“, unterbreche ich, „Ein Niederländer.“
„Aus Zuyderkerk?“
„Nein, der kam von Dersummeroog. In West gibt’s doch die Barentskade, am Hafen. Übrigens hieß er Willem.“
„Wenn ich das damals gewusst hätte, hätte ich eine Gedenkminute für ihn eingelegt. Also“, grinst er, „wenn ich damals auch schon gewusst hätte, dass ich eines Tages hier leben würde. Aber zurück zu Murmansk. Ich habe für die Spedition, für die ich damals unterwegs war, allerhand Krempel hingefahren. Im Juli blüht in Murmansk der Flieder. Überwältigend.“
„Du bist wirklich ein seltsamer Typ“, sagt sie kopfschüttelnd. „Wochenlang bist du mit deinem LKW allein auf der Piste, und alles, was dir davon in Erinnerung geblieben ist, ist die Fliederblüte.“
„Falsch. Das ist nicht alles, was mir in Erinnerung geblieben ist, sondern das ist alles, was ich dir davon erzähle. Natürlich habe ich noch mehr Erinnerungen an Murmansk.“
Prompt fällt sie drauf rein. „Welche denn noch?“
„Liebste Merle, erweise doch jedem meiner Worte die Ehre, angehört zu werden. Ich sagte, das sei alles, was ich dir davon erzähle.“
„Schon wieder so ein Museumssatz“, brummt sie. „Und Jeremy, um deine Frage zu beantworten: wir machen heute keine Musik. Aber das hast du inzwischen sicher selbst gemerkt.“
„Ja. Aber warum eigentlich nicht? Wofür treffen wir uns im Proberaum, wenn wir dann gar nicht proben?“
„Weil Proben nur um des Probens willen doof ist. Ich war mal in einer Band, deren Bandleader erwartet hat, dass man sich gut auf die Proben vorbereitet. Den Schlagzeuger hat er unter anderem deswegen rausgeworfen, weil er nur bei den Proben geübt hat“, sagt Miloš. „Wenn der Bandleader meiner aktuellen Band jetzt auch damit anfängt, werde ich das selbe tun, was ich in der Band getan habe.“
„Oh, das kann ich nicht riskieren“, lache ich. Auf Merles fragenden Blick erkläre ich: „Er hat die Band verlassen. Der gefeuerte Schlagzeuger war allerdings ich, deswegen ist es in seiner aktuellen Band vielleicht noch was anderes.“
Sie lässt einen tiefen Seufzer ab. „Also, wenn einer von euch die Donnerdrummels verlässt … egal warum … dann hör ich auch auf. Das richtige Donnerdrummel gibt es nur mit euch beiden zusammen.“
Sags bitte nicht, denke ich noch. Aber zu spät.

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