13. März 2016

440

Mein Wunsch ist ihnen Befehl und ich befestige die Rückenlehne. Als es zurück auf dem Boden der Tatsachen angelangt ist, beginne ich das erste Probesitzen.
Mit einem erleichterten „Wir haben ein Sofa!“ lässt Miloš sich neben mich plumpsen.
Krachend gibt die Sitzfläche nach.
Zoran gackert los.
Miloš verpasst ihm ein paar derbe Worte und einen finsteren Blick, springt aus den Trümmern auf und tritt wütend dagegen. „Die ganze [drei serbische Wörter] umsonst!“
Ich halte ihm die Hand hin, „Hör auf zu randalieren und zieh mal an mir.“ Und übrigens: auf die Übersetzung verzichte ich! Als ich wieder auf meinen Füßen stehe, hebe ich die Polster an und besehe mir den Schaden. Die Sitzfläche besteht aus Latten, die in Plastikhalterungen stecken. Wie bei einem Lattenrost unterm Bett, nur kleiner. Die meisten Halterungen werden nie wieder etwas halten. Einige der Bruchstellen sind deutlich älter.(237) Die Hartfaserplatte taugt auch nur noch zum Wegwerfen. Das restliche Gestell ist aus Massivholz und wirkt sehr robust. Wenn ich die Sitzfläche mit Wäscheleine … hm, wie kriege ich die Halterungen ab?
„Kannst du das reparieren?“, unterbricht Zoran meine mit Tatendrang gefüllten Gedanken.
„Unter einer Bedingung.“
„Die wäre?“
„Du nimmst das mit der Frau zurück.“
„Was mit welcher Frau? He, Jeremy, in diesem Haushalt gibt es keine Frau. Miloš nervt mich oft mit seiner Klugscheißerei und den Wortspielen, die niemand versteht außer er selber, aber du bist ein wirklich sehr praktischer und vielseitig begabter Kerl. Ich staune immer, was du kannst. Besonders wenn es um Werkzeug geht“, lobt er mich, „Du hast es echt drauf. Hier die Ecke, da Holz, und drei Stunden später hat ein Zimmer den perfekten Einbauschrank!“
Diese Dachschrägenschränke haben es meinen werten Freunden wirklich angetan! Miloš tut allerdings alles dafür, meinen Ruhm zu mehren. Mit seinem Handy hat er Fotos von den Bauabschnitten gemacht und dem Zustand der Zimmer, bevor ich mit der Arbeit anfing. Und diese Fotos zeigt er überall rum.
„Das klingt gut. Mit dem Sofa befasse ich mich morgen. Erst muss ich Mommis Staubsauger ausleihen“, entlaste ich die labile Liste. „Und was ist mit dir, wolltest du nicht um acht in Hoorn sein? Das schaffst du nicht mehr!“
„Zoran nimmt mich mit. Gibt es etwas zu essen?“ Er ist schon auf dem Weg in die Küche.
„Butterbrote und Obst. Zum Kochen war keine Zeit. Bibi brauchte meine Hilfe.“
„Gibt es vielleicht doch eine Frau in diesem Haushalt?“, will Zoran interessiert wissen.
„Bibi wohnt nebenan. Verheiratet, drei Kinder“, verderbe ich ihm das Spekulieren.
Miloš ruft von nebenan: „Ich nehme was aus der Haushaltskasse.“
„Lass mir noch ein paar Euro übrig.“
„Haushaltskasse?! Gemessen daran, dass hier keine Frau wohnt, habt ihr ziemlich viel Pärchenkram in eurer WG.“
„Bei uns kannst du noch was lernen für deine Ehe. Eine Haushaltskasse ist wahnsinnig praktisch, vorausgesetzt, es ist was drin.“
Miloš kommt aus der Küche und klimpert mit dem Kleingeld in seiner Hosentasche. In der anderen Hand hat er zwei Äpfel. „Können wir los?“

Beim Staubsaugen finde ich an der Rückseite der Polster Reißverschlüsse. Aha, man kann die Bezüge abnehmen!
Das heißt, man kann sie auch in die Waschmaschine stecken.
Und dort kann man sie färben! Welche Farbe gemischt mit Blau ergibt eine, die eher in unser grünes Konzept passt? Gelb. Oh, bloß nicht! Nehme ich zuviel, wird es türkis. Nehme ich zuwenig, tut sich nichts. Wird die Farbe nicht gleichmäßig aufgenommen, sieht es aus wie verschütteter Morgenurin.
Lieber färbe ich mit schwarz oder dunkelgrau, das deckt das intensive Blau besser ab. Und die Flecken, sofern sie beim Waschen nicht rausgehen.
Schwarze Textilfarbe müsste irgendwo sein, ich habe sie beim Einpacken in der alten Wohnung in der Hand gehabt. Weshalb hatte ich sie gekauft? … Genau, ich wollte ein paar alte verwaschene Jeans neu einfärben.


hundertsechsunddreißigstes Kapitel

Während die Sofabezüge in der Waschmaschine sind (und mit ihnen eine Portion Textilfarbe sowie zwei Hosen von mir und eine von Miloš), entferne ich die restlichen Plastikteile, schleife glatt, was Lales Katzen mit ihren Krallen verunstaltet haben und leime, was neuen Leim braucht. Man kann einem Möbelstück nichts besseres tun als so eine gründliche Inspektion. Schließlich sollen weitere Abstürze in Zukunft ausbleiben!
Pünktlich zum Ende meiner Arbeiten ist Miloš zurück. Er war im Baumarkt und hat einen Strang farbloser Wäscheleine gekauft und ein paar andere Kleinigkeiten, die ich brauchte. Wenn er sich Hoffnungen macht, dass ich durch das Zusammenleben mit ihm osteuropäischer werde, darf ich mir ja auch Hoffnungen machen, dass er durch regelmäßigen Aufenthalt im Baumarkt ein bisschen handwerklicher wird.
„Du sollst übrigens Merle anrufen“, richte ich aus.
„Warum hat sie mich nicht mobil angerufen?“
„Weil im Baumarkt kein Empfang ist.“
„Woher willst du das wissen, du Mobilfunkexperte?“
„Weil wir da die Tapetenstreifen ausgesucht haben und Zoran wollte sie anrufen und ist auch nicht durchgekommen. Willst du weiter diskutieren oder rufst du sie einfach an?“
„Ts“, macht er, nimmt das Telefon von der Ladestation und geht in sein Zimmer.

Keine Kommentare: