21. Dezember 2015

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„Sprichst du serbisch?“
„Nein.“
„Kroatisch?“
„Nein.“
„Bosnisch?“
„Nein. Warum fragst du?“
„Wenn du die Sprachen nicht sprichst, woher weißt du dann die Bedeutung meines Namens? Oder hast du das recherchiert, um vorbereitet zu sein?“
Theodorus ist stehen geblieben und schaut Miloš an. „Ich habe nicht recherchiert.“
„Woher weißt du es dann?“
„Gott hat es mir eben gesagt.“
„Hat der dir noch mehr Geheimnisse über mich gesagt?“
„Was meinst du mit Geheimnissen?“
„Solche Sachen, die keinen was angehen.“
„Ist die Bedeutung deines Vornamens ein Geheimnis?“ Er wartet keine Antwort ab, „Miloš. Dein Gott ist nicht der Gott, der Geheimnisse ausplaudert. Aber es ist kein Geheimnis, dass er dich über alles in der Welt liebt. Über alles in der Welt“, wiederholt er, „Und das ist die Bedeutung deines Namens.“
Er verzieht keine Miene. „Warum habe ich dich bisher nie in der Kirche gesehen?“
Ich blicke nicht mehr durch. Noch nie habe ich erlebt, dass er so oft das Thema wechselt, so viel ausweicht, nicht nachfragt und stattdessen von etwas ganz anderem spricht. Was hat er denn gegen die Bedeutung seines Namens? Ich habe „lieblich, süß“ noch nie so schön übersetzt gehört! Vor ein paar Tagen hat er doch noch den Heilig-Geist-Kometeneinschlag erlebt, wie kann sein Herz so hart sein?
Das Herz. Na klar, das ist der Grund! Theodorus hat es gerade noch gesagt. „Ich sehe dein Herz.“ Wenn ich das Benehmen mal eins zu eins auf mich übersetze, dann zieht er gerade Spundwände hoch, um sich gegen eine plötzliche Flut zu schützen. Wer rechnet schon damit, dass der ungeliebte Vorname eine Liebeserklärung ist?
Und sein Herz ist so hart, weil es voller Narben ist. Die hat nicht nur der Krieg hinterlassen, sondern auch sein Vater, die einsame Zeit hier, Milans Tod, die schwierigen Verhältnisse in Bosnien und so weiter. Viel zu oft vergesse ich, dass er erst vier Monate mit Jesus geht und Jesus mit seiner Liebeskur noch ganz am Anfang steht.

Die beiden gehen vorneweg und ich, in Erleuchtungen vertieft, ein paar Schritte hinterher. Sie unterhalten sich, aber ich verstehe nicht, worum es geht. Allerdings reicht mir auch das, was ich eben gehört habe. Treffen mit Theodorus sind immer herausfordernd. Er sagt einem so krasse Dinge, und die so liebevoll, dass sie – zumindest bei mir – mitten ins Herz fallen.
Ich wusste natürlich, dass das passieren würde, und ich habe mich auch danach gesehnt. Zeit mit Theodorus zu verbringen ist wie Zeit mit Jesus zu verbringen, nur irgendwie … Man kann nicht sagen, dass es direkter ist, denn näher als Jesus kann mir niemand sein, aber es bringt eine Saite in mir zum Klingen, die nicht klingt, wenn ich in Jesus’ Gegenwart bin. Theodorus ist ein sehr gesegneter Mann, ein Geschenk Gottes.(198)

Mommi hat schon Kaffee gekocht und steht nun in der Küche, wo sie Plätzchen auf einen großen mit Gold verzierten Teller schichtet.
Ich stelle das Kaffeeservice auf den Tisch.
„Geht’s dir gut?“, fragt sie, als ich in die Küche komme, um die Kanne zu holen.
„Ja. Er ist toll. Bei fast allem, was er sagt, will ich mitschreiben, weil es klingt, als wenn es von Gott ist.“
Sie lächelt. „So geht es mir auch immer.“

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