30. November 2015

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„Ja. Es war mehr Arbeit als wir gedacht haben. Und ich kann am schnellsten mal in der Schule frei machen. Djamila fand das Projekt auch sehr gut, sie meinte, du hast eine andere Farbe verdient. Also hat sie sich dafür eingesetzt, dass ich Montag nur Bus gefahren bin und ansonsten in die Werkstatt konnte.“
Ich bin total gerührt, verkneife mir jedoch alle weiteren Gefühlsregungen und nehme meinen Platz ein. Die Trommeln klingen beinahe so gut wie vorher. Hier und da muss ich ein bisschen nachspannen oder lockern, dann bin ich mit dem Klang zufrieden. So ein schönes Schlagzeug hatte ich noch nie.(142) Tiefschwarz, ohne die kleinste Macke, alle Metallteile sind blank geputzt, insgesamt ist es wie neu.
Als ich aufhöre zu trommeln, stelle ich fest, dass die drei mich betrachten. Glücklich und froh sehen sie aus. „Ist was?“, erkundige ich mich erstaunt.
„Nein, überhaupt nichts“, winken sie ab und nehmen ihre Instrumente auf. „Wir freuen uns, weil du dich so freust. Was spielen wir denn heute?“
„Moment“, fällt mir auf. „Ihr habt mit Cokko geredet, ja? Damit er mich lange in Rotterdam festhält?“
Lisanne nickt. „Wir wussten ja, dass du gerne mal einfach so trommeln gehst. Aber dann wäre unsere Überraschung im Eimer gewesen.“
„Aha. Und Mommi war auch eingeweiht?“
„Ja“, gibt Merle zu. „Sonntagabend war uns klar, dass einmal Lackieren nicht reichen wird. Das Pink schimmerte noch durch. Das hatten wir nicht eingerechnet.“
„Aber hattest du nicht eigentlich vorgehabt, das Wochenende mit Helena zu verbringen? Oder war das auch nur vorgeschoben?“, wende ich mich an Miloš.
„Nein“, sagt er und ich sehe, dass ihm die gute Stimmung für einen Augenblick verlustig geht. „Das war fest geplant. Aber als es dann anders kam, haben wir umgeplant und mit den Trommeln angefangen.“
„Davon wusste ich ja gar nichts“, stellt Lisanne fest. „Warum planst du, das Wochenende mit der schönen Helena zu verbringen und bist dann schließlich die ganze Zeit mit Jeremys Trommeln beschäftigt?“
„Weil ich nicht mehr mit ihr zusammen bin“, erklärt er.
Scheint so, dass er Helena wirklich gern hat; mit ihr Schluss zu machen muss Folge eines schweren Gewissenskonflikts gewesen sein. Offensichtlich leidet er unter seiner Entscheidung. Soll ich ihn vielleicht doch ansprechen und nicht abwarten, bis er mir von sich aus erzählt, was vorgefallen ist?
„Man kann sich wieder Hoffnungen machen, was dich betrifft“, stellt Merle grinsend fest.
Zum ersten Mal, seit sie dieses Spielchen betreiben, macht er nicht mit: „Dann musst du lange warten.“
Lisanne wundert sich. „Warum muss sie lange warten? Bist du nun solo oder nicht?“
Er will nicht darüber reden, das merke ich deutlich. Lisanne wird es auch spüren, feinfühlig wie sie ist, aber sie will offenbar eine Antwort haben. „Sag schon, warum?“
„Weil ich jetzt keine Freundin will. Ein ganzes Jahr lang will ich Single sein.“
„Aha“, macht Merle nicht weniger erstaunt. „Aber warum?“
Statt auf die Frage einzugehen, fügt er hinzu: „Und ich werde auch ein ganzes Jahr lang nicht kiffen und keinen Alkohol trinken.“
„Überhaupt nicht?“, „Auch kein Bier?“, „Nicht mal bei einer Party?“, reden wir übrigen durcheinander.
„Warum ist das so schrecklich für euch? Ihr wart doch der Ansicht, dass ich zu viel saufe!“
„Das hab ich nie gesagt!“, protestiert Merle.
„Ich aber“, sagt Lisanne zu ihr.
„Warum?“, wundert sie sich, „Das ist doch seine Sache?“
„Er wollte meine Meinung dazu wissen, also habe ich sie ihm gesagt.“
Merle wendet sich an Miloš, „Keinen Tropfen?“

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