30. Juni 2015

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„Tja, so war es aber. Wir hatten nie besonders viel miteinander zu tun. Vielleicht hat Lucy dir ja erzählt, dass er sie nur geheiratet hat, um seinen Vater zu ärgern und diese ganze Sache. Ich weiß gar nicht, ob die beiden sich überhaupt geliebt haben. Also so verknallt waren sie, sonst wären sie wohl nicht miteinander ins Bett gegangen, aber Mommi hat gesagt, dass es keine feste Beziehung war. Gerrit wollte nie was Festes, der wollte nur seinen Spaß. Deswegen konnte es mit der Ehe von vornherein nichts werden.“
„Ja, das hat sie auch gesagt. Trotzdem, Jeremy, bitte glaub mir das. Es war ihr nicht egal, wo du bist und sie hätte dich gerne hier gehabt. Sie hätte dich auch sehr, sehr gerne besucht, aber das ging ja leider nicht.“
„Wieso ging das nicht?“, bin jetzt ich es, der sich wundert.
„Ach du liebe Zeit, weißt du denn gar nichts, du armer Kerl?“, fragt Douglas voller Bedauern. „Sie hatte oft Thrombosen und durfte keine langen Flüge unternehmen. Schon der erste Flug zu mir war sehr gefährlich für sie, aber das wusste sie da noch nicht. Das haben die Ärzte erst danach festgestellt. Sie durfte auch nicht noch einmal schwanger werden, aber zum Glück hat sie unseren wunderbaren Unfall überlebt. Du weißt doch, was eine Thrombose ist?“
„Ja, so Zeug mit Blutklumpen und so, die dann im Herz stecken bleiben“, umschreibe ich vage.
„Ein langer Flug kann eine Thrombose hervorrufen beziehungsweise beschleunigen und eine Schwangerschaft und die Presswehen in einer Geburt auch. Es gibt noch andere Risikofaktoren, aber das ist uns jetzt nicht so wichtig. Ich frage mich wirklich, warum Gerrit dir das nicht gesagt hat. Ich werde ihn morgen anrufen. Wusste das denn deine Oma?“
„Woher soll ich wissen, was sie weiß? Ich denke mal, sie hat es nicht gewusst, sonst hätte sie es mir ja gesagt.“ In meinem Kopf herrscht nur noch Durcheinander. Trotzdem kommt mir der Gedanke, dass Mommi sicher nachgefragt hat, was mit Lucy ist, schließlich war das ja meine Mutter. Was hat ihr schrecklicher Sohn ihr dazu gesagt? (43)
Douglas unterbricht das Wirrwarr in meinem Gehirn: „Jeremy, Cornelius, es war sehr schön, euch zu sehen und zu hören, aber wir müssen unser Gespräch leider unterbrechen. Ich habe gleich einen Termin mit einem Kunden, den kann ich nicht verschieben. Lasst uns doch morgen um diese Uhrzeit weiter sprechen, ja?“
Erst als mein Bruder den Computer ausschaltet, fällt mir auf, dass Douglas die ganze Zeit Niederländisch mit uns geredet hat. Es klingt genau wie das Niederländisch, mit dem Cornelius mich vor wenigen Tagen in Zuyderkerk angesprochen hat. Ein bisschen fremd, ein bisschen holprig. Aber irgendwie auch sehr sympathisch. Ich glaube, das liegt daran, dass Doug­las ebenfalls sehr sympathisch ist. Und Cornelius ist es auch.

Kurz bevor ich eingeschlafen bin, sagt mein Bruder: „Du, Jeremy … bist du noch wach?“
„Nein.“
„Können wir reden?“
„Wenns sein muss.“
„Ja, muss es. Wach auf und hör zu.“
Ich seufze. „Ich bin wach und höre zu.“
„Ich muss das einfach mal loswerden. Ganz ehrlich, ich war nicht ein bisschen genervt, sondern ich war ziemlich böse auf dich. Und das tut mir Leid. Weil du das ja alles nicht wusstest mit der Thrombose und so. Und weil das alles auch nicht an dir gelegen hat, sondern an deinem Vater. Und … vielleicht können wir ja ein paar Sachen finden, die wir gemeinsam haben, nicht nur die selbe Mutter und dass wir uns ähnlich sehen.“
Eine Pause entsteht, und weil ich auch nicht weiß, was ich sagen soll, wird es eine ziemlich stille Pause.

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