30. Juni 2015

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Erschrocken schaut er mich an. „Glaubst du echt, dass es so war? Wenn das okay ist für dich, rufen wir meinen Pa an und fragen ihn. Er hat mal gesagt, dass er und Ma erst zwei Jahre so befreundet waren, bevor sie zusammen gekommen sind, und in der Zeit haben sie sich alles gegenseitig erzählt, was ihre Leben so ausgemacht hat. Da hat sie ihm ganz sicher auch von dir erzählt und warum du nicht bei uns gelebt hast.“
„Willst du es von mir wissen oder von deinem Pa? Warum fragst du mich dann überhaupt?“, murre ich.
„Jeremy, bitte! Kannst du nicht verstehen, was das für mich bedeutet? Meine Eltern sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben gewesen, das heißt, mein Pa ist es immer noch. Und sie war auch deine Mutter.“ Er macht eine Pause und ich setze mich wieder hin, allerdings nicht neben ihm aufs Bett. Ich räume meine Reisetasche von dem Stuhl und lasse mich dort nieder. „Und wie willst du deinen Pa anrufen, etwa mit dem Handy? Das gibt die Telefonrechnung des Jahrhunderts, schätze ich.“
Jetzt grinst er. „Mein Handy ist internettauglich. Es gibt doch bestimmt W-Lan hier im Haus, oder?“
„Was gibt es?“
„Eine drahtlose Internetverbindung?“
„Kann sein, dass Ieuwkje so was hat, aber sie ist nicht da.“
„Wann kommt sie wieder?“
„Zum Jahresende.“
Wann kommt sie wieder?“
„Sie ist gerade auf einer Sprachreise durch Argentinien, hatte ich dir das nicht erzählt? Ende Dezember wird sie zurück sein.“
Ergeben zuckt er die Schultern. „Wo könnten wir erfolgreicher sein?“
„Was willst du überhaupt damit? Sollen wir uns Emails schreiben mit deinem Pa?“
Cornelius verdreht die Augen. „Schon mal was vom Chatten gehört?“, versucht er offenbar, die Einstiegsschwelle niedrig zu halten.
Mir ist sie zu hoch. „Nein.“
„Okay. Aber was Internent ist, weißt du schon?“, unterbricht er sich und weil ich nicke, redet er weiter: „Wenn beide Computer die gleiche Ausstattung haben, also Kamera, Mikro, Lautsprecher und so, kann man übers Internet telefonieren und sich dabei angucken. Man kann sich auch mit internetfähigen Mobiltelefonen einwählen. Allerdings brauche ich dafür natürlich ein Netz.“
„Aha. Übrigens kannst du mir jetzt auch mal was erklären, von dem ich keine Ahnung habe“, erwähne ich.
„Das stimmt, du bist ja gar nicht allwissend!“, witzelt er und hakt nach: „Und wo könnten wir so was kriegen?“
„In der Bücherei … nein, die hat längst zu … in West gab es mal ein Internetcafé. Wir könnten hinfahren und gucken, ob es noch da ist.“
„Müssen wir mit dem Fahrrad fahren? Ich hab immer noch Muskelkater.“
„Müssen wir nicht.“ Ich schaue zur Uhr, „In einer Viertelstunde hält an der Kirche ein Bus nach West.“

Während wir zur Bushaltestelle im Ortskern gehen, fragt mein Bruder: „Weißt du den ganzen Busfahrplan der Insel auswendig?“
„Blödsinn. Aber der Bus nach West fährt in der Hauptsaison tagsüber alle zehn Minuten und abends alle zwanzig, in der Nebensaison immer alle zwanzig und außerhalb der Saison tagsüber alle dreißig Minuten und abends nur noch stündlich. Das ist ja einfach zu merken.“
„Ich hätte schon Probleme dabei, welche Saison gerade ist.“
„Nein, das ist leicht. Und in der Hauptsaison ist es rappelvoll auf der Insel.“
„So richtig rappelvoll?“, fragt er interessiert.
„Ja. Kein Vergleich zu jetzt. Da du aus einer Großstadt kommst, wird dir das gefallen.“
„Dir gefällt es also nicht? Na ja, du musst ja nicht herkommen.“

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