28. Juni 2015

75

vierundzwanzigstes Kapitel

Als wir endlich in der Pension „Kijkdoos“ sind, heiß geduscht und was Trockenes angezogen haben, gesteht Cornelius: „Ich bin jedenfalls froh, dass du bei so ‘nem Wetter nicht losfahren würdest. Ich hätte viel zu viel Angst, als dass ich an andere Dinge denken könnte als das schwankende Wasser unter mir und so Sachen.“
„Du musst keine Angst haben. Wer vor der See Angst hat, sollte an Land bleiben, das ist eine ganz einfache Regel“, erkläre ich vorsichtig. „Respekt musst du haben, und wissen, dass die See in jedem Fall stärker ist als du. Und wenn du vor der Kotzerei bei der Überfahrt Angst hast, besorge ich dir ein stärkeres Beruhigungsmittel.“ Aber das hatte ich sowieso vor. Wundermedizin heilt vieles, selbst bei Erwachsenen – nur Seekrankheit nicht. Das Kleinhirn lässt sich nicht belügen.
„Die Natives sagen, dass man sich nur–“
Wer sagt das?“
„Die Natives. Indianer. Sie sagen, dass man sich nur vor unbekannten Geistern fürchten muss, die anderen kann man beschwören oder sich anderweitig vom Leib halten.“ Nach kurzem Nachdenken fügt er hinzu: „Irgendwie klappt das bei mir nicht. Ich kenne die Überfahrt ja jetzt, und trotzdem ab ich Angst.“
„Aber es klingt vernünftig“, sage ich. „Hast du Kontakt zu Indianern?“
„Nein, aber Ma hat ein paar Freunde gehabt.“
Natürlich, Ma – wer sonst?! Langsam frage ich mich wirklich, was seine tolle Ma nicht irgendwann schon mal gesagt, getan oder gewusst hat. Cornelius schafft es, egal wobei, früher oder später das Thema auf sie zu bringen. Mir geht das mittlerweile ziemlich auf die Nerven. Ist er so ein Muttersöhnchen, dass er dauernd von ihr reden muss, oder hat er in seinem ‚kurzen’ Leben noch keine anderen Helden erlebt? Um hauptsächlich mich selber abzulenken, sage ich: „Bei auflaufendem Wasser können wir nach Westerdorp an den Hafen fahren. Vielleicht kannst du von der Mole aus sehen, warum es Springflut heißt.“

Später kommt Ferdinand vorbei. Er richtet sich offenbar auf einen längeren Aufenthalt ein, denn er hat in einer Ledertasche sein kunstvoll gearbeitetes Schachspiel mitgebracht und lädt uns ein, gegen ihn zu spielen.
Ich gebe seiner Aufforderung und meinem Leichtsinn nach und habe prompt verloren. Nach seinem zweiten, ebenso eindrucksvollen Sieg gegen mich wird Ferdinand übermütig und reizt Cornelius, auch sein Glück zu versuchen. Mein Bruder gibt vor, keine Lust zu haben. Die ganze Zeit, während ich mich über Ferdinands Spielzüge gewundert habe und schließlich an ihnen verzweifelt bin, hat er relativ unbeteiligt neben uns am Tisch gesessen. Ich nehme an, dass er einfach zugeguckt hat, weil er genauso viel Ahnung von Schach hat wie ich. Nämlich wenig.
Aber es zeigt sich, dass er Ferdinands Taktik studiert hat. Nun stellt er nach allen Regeln der Kunst Fallen, lockt und narrt Tante Os alten Freund und sammelt beinahe in jedem Spielzug eine der gegnerischen Figuren von der Spielfläche, ohne selbst nennenswerte Verluste zu machen. Es dauert etwa ebenso lang wie bei mir, bis dieses Mal Ferdinand erst „Schach“ und kurz darauf „Matt“ zu hören bekommt.
„Das war nicht nett von dir, Junge“, beklagt er sich, und betrachtet die Figuren auf dem blau gewürfelten Tischtuch, als könne er nicht begreifen, eine derartige Niederlage hinnehmen zu müssen; noch dazu auf dem eigenen Schachbrett.
Cornelius lächelt freundlich. „Entschuldigung. Aber Sie wollten ja gegen mich spielen.“ Sein Lächeln wird eine Spur breiter, als er sagt: „Außerdem musste ich meinen Bruder rächen. Was Sie mit dem gemacht haben, war auch nicht nett.“
„So, Brüder seit ihr“, stellt Ferdinand fest, und mustert uns grimmig.
„Das hab ich dir doch gesagt“, rügt Tante O. „Nie hörst du mir zu, wenn ich mit dir rede.“
„Hast du gar nicht“, erwidert Ferdinand bockig, „Überhaupt nichts hast du zu mir gesagt!“
„Doch, habe ich. Und jetzt gib Ruh’, sonst kannst du zuhause weiter meckern.“
„Harte Sitten“, amüsiere ich mich. „Ich glaub, stattdessen suchen wir mal das Weite. Hast du Lust mit zum Meer zu fahren?“

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