28. Juni 2015

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„Siehste. Und wenn nicht so schönes Wetter angesagt wäre, wäre ich nicht hergekommen, weil ich dann nicht wüsste, wann ich wieder zurück nach Hause kommen könnte“, gehe ich darauf ein.
„Wieso denn das? Dir kann doch schnurz sein, ob irgendwo Wiesen oder Straßen unter Wasser stehen. Dann kannst du mit deinem Schiff sogar auf der Straße fahren, ist doch cool.“
„Du vergisst den Wind. Die Kaap Hoorn ist nicht beliebig seetüchtig. Ab sechs Beaufort bleibe ich im Hafen, anstatt auszulaufen, egal, wo dieser Hafen gerade ist.“
„Aha. Und was sind Beaufort? Ist das Windgeschwindigkeit? Wie viel ist das in Meilen?“
Ich schnaube laut. Was dieser Typ alles von mir wissen will! Ich bin doch kein Lexikon!! „Sechs Beaufort sind ungefähr zehn bis zwölf Meter pro Sekunde, den Rest kannst du dir alleine ausrechnen.“ Außerdem, wer rechnet noch in Meilen, sind wir im Mittelalter? Ich kenne höchstens Seemeilen, aber davon wird Cornelius noch nie etwas gehört haben, schätze ich.


zweiundzwanzigstes Kapitel

Den Nachmittag verbringen wir damit, kreuz und quer über die Insel zu fahren. Mein Bruder verbringt ihn außerdem damit, mir zu allen möglichen Themen Löcher in den Bauch zu fragen. Während einer der Imbiss- (und Rauch-)pausen frage ich ihn, warum er das tut.
Cornelius fragt zurück, warum ich das wissen will.
„Ich will es wissen, weil ich nicht weiß, ob du immer so viele Fragen stellst, oder ob du es nur tust, wenn du an einem Ort bist, wo du vorher nie warst, und außerdem, warum du fragst, nämlich ob du einfach was zu reden haben willst, oder ob es dich wirklich interessiert. Manchmal bin ich nämlich mit der einen Antwort noch nicht fertig und du kommst schon mit der nächsten Frage an. Das stört mich“, schließe ich meine umfangreiche Ausführung ab und stecke eine weitere Portion Fritten und Shrimps mit Apfelmus in den Mund. Mein Bruder hat das selbe Essen, bis auf das Apfelmus. Das war ihm zu suspekt, dabei ist es nicht suspekt, sondern lecker. Er hat lieber Ketschup genommen und reichlich Mayo.
Trotzigen Tonfalls und ohne mich anzusehen kontert er: „Wenn du keinen Bock drauf hast, warum antwortest du dann immer? Ich dachte, weil du so viel weißt, kann ich dich nach allem fragen.“
„Ich habe nicht gesagt, dass deine Fragen nerven“, sage ich ruhig. „Und so besonders viel weiß ich eigentlich auch gar nicht. Es ist nur meine ganz normale Umgebung, mein Alltag. Hätte ich dich besucht, hätte ich vielleicht genauso viele Fragen zu allem.“
„Aber du weißt auf alles eine Antwort, was ich frage. Und du erklärst auch alles so, dass ich es kapiere und mir trotzdem nicht blöd vorkomme. Zum Beispiel das heute früh am Strand, mit den Zeichnungen und so, das war echt klasse. Meine Freunde sind ganz anders. Wenn wir was zusammen machen, kommt es irgendwie nie dazu, dass ich so was fragen könnte. Und ich wüsste auch gar nicht, wen ich was fragen könnte. Ich find es toll, so einen schlauen Bruder zu haben.“
„Ich find es auch toll, dich als Bruder zu haben. Und ich find es schön, dass du hier bist“, sage ich ehrlich.
Cornelius lächelt, und es gelingt wieder so strahlend wie gestern vor meiner Haustür. Ach du liebe Güte, denke ich, das wäre mir jetzt wie viel länger vorgekommen.
„Weißt du, ich hatte Schiss“, vertraut er mir an. „Ich hab im Flieger gesessen und mir die ganze Zeit überlegt, was ich wohl mache, wenn du gar nichts von mir wissen willst. Weil dein Pa zwar immer von dir geschrieben hat, aber du hast nie Grüße bestellt oder selber was geschrieben oder so.“ Er hält kurz inne und sagt dann: „Danke übrigens wegen gestern. Fand ich toll, wie du mich vor dem Marc in Schutz genommen hast.“
Ich winke ab. „Du hättest das bestimmt für mich genauso gemacht.“
„Das ist richtig, aber ich wusste nicht, ob du es auch machen würdest.“

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