28. Juni 2015

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Mein Bruder guckt mir zweifelnd zu. „Hast du keine Badehose mitgenommen?“, fragt er, was eigentlich deutlich zu erkennen ist: Nein, ich habe keine dabei. „Brauch ich eine?“, gebe ich die Frage zurück.
„Ist das hier denn ein FKK-Strand?“
Ich rolle mit den Augen. „Es ist Ende Oktober! Den Leuten ist völlig pups-egal, ob einer im Pelzmantel schwimmen geht oder sonst was treibt.“ Mir wird langsam ein bisschen kalt zum Herumstehen, ich rufe: „Wer zuerst im Wasser ist, hat gewonnen!“ und renne los.
Cornelius überholt mich, schreit mir „Komm schon, du Rennauto!“ über die Schulter zu und stürzt sich in die Fluten. Dort schreit er weiter und sieht zu, dass er wieder zurück auf den Strand kommt. „Das Scheiß-Meer ist ja super-sau-arsch-kalt!!“, brüllt er.
Aber dieses Mal habe ich die Trümpfe in der Hand, und ich behalte sie auch – immerhin weiß ich ungefähr, wie warm oder kalt die Nordsee im Herbst ist. Wärmer als im Februar auf alle Fälle.

Bei der diebstahlsicheren Tasche wartet mein Bruder mit verkniffener Miene. „Hättest du mir nicht vorher sagen können, dass dieses blöde Meer eiskalt ist?“, grummelt er.
„Hättest du mir nicht vorher sagen können, dass solche angenehmen Temperaturen bei dir schon eiskalt sind? Wir können ja ins Wellenbad fahren, dann kannst du mir zeigen, wie toll du schwimmen kannst“, stichele ich, während ich ihm sein großes Handtuch abluchse und mich abtrockne, bevor der Wind es tut. Der ist nämlich nah dran an „super-sau-arsch-kalt“.
„Bähbähbäh“, macht er. „Übrigens wolltest du mir erzählen, wie das mit der Ebbe geht“, fällt ihm ein, um mich auf andere Gedanken zu bringen.
Amüsiert lasse ich das Manöver geschehen. „Stimmt.“ Ich ziehe mich an und renne ein paar Runden auf dem Strand herum, damit ich gleich nicht so furchtbar schnattere. Dann hocken wir uns in der Nähe der Waterkant auf den feuchten Sand, der jetzt meine Tafel ist. Mit dem Zeigefinger male ich zwei ungleich große Kringel hinein und sage: „Pass auf, das geht so. Das kleine ist der Mond und das ist die Erde. Der Mond dreht sich um die Erde.“
Das „Ach nee?“ von nebenan überhöre ich und erkläre, dass der Mond durch seinen Magnetismus das Wasser anzieht und dadurch die Gezeiten entstehen.
„Moment mal“, unterbricht Cornelius mich, „Denk nicht, dass ich noch nie was von Gezeiten gehört hätte. An den Hopewell Rocks ist der größte Gezeitenunterschied der Welt, und rat mal, wo die Hopewell Rocks sind?“
Das ist ja mal eine wirklich einfache Preisfrage! „Ich rate, dass sie in Kanada sind“, sage ich. Der meines Wissens höchste Tidenhub Europas ergibt sich in einer Bucht in der Normandie, schon allein deswegen können die Rocks dort nicht sein: Kein Franzose auf der ganzen Welt würde seinen Orten englische Namen geben.
Mein Bruder nickt zufrieden. „Jetzt darfst du weiter erklären.“
Das tue ich. Die Gezeiten – auch Tiden genannt – wechseln aufgrund der Erdrotation alle sechs Stunden. Zweimal am Tag ist also ein Punkt auf der Erde und sein gegenüberliegender Punkt auf der Rückseite der Erde in einer Achse mit dem Mond. Dann wird es schwieriger, als mit den Mondvierteln die Spring- und Nipptiden hinzu kommen. Ich brauche insgesamt ungefähr hundert Zeichnungen und eine Menge Geduld, bis ich das Phänomen veranschaulicht habe. Es ist komplizierter, als ich gedacht habe. Vor allem ist es komplizierter, weil völlig logische Vorgänge offenbar doch nicht so klar verständlich sind, wie ich bis dahin angenommen habe. Weil ich gerade beim Thema Vollmond bin, weise ich darauf hin, dass morgen eine Springflut bevorsteht, und dass dieses Phänomen in Verbindung mit einem kräftigen Sturm eine Sturmflut ergeben kann.
Hier meldet sich mein zuletzt sehr aufmerksam lauschender Bruder wieder zu Wort: „Von Sturmflut hat Ma erzählt. Da war mal eine, vor 40 Jahren oder so, da stand das halbe Land unter Wasser, hat sie gesagt.“

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