13. März 2016

434

Ich hatte erwartet, dass er mich während der Fahrt Dinge fragt, die vielleicht den miserablen Auftritt betreffen oder die eigentümliche Stimmung in dem Club. Aber nichts dergleichen! Er sagt die ganze Zeit kein Wort. Die Luft zwischen uns fühlt sich mal wieder doppelt still an.
Da fragt man sich schon, warum er unbedingt mit mir alleine sein wollte!
Gegen elf sind wir zuhause, ich esse noch etwas und weil ich müde bin(231), gehe ich ins Bett.

Jemand rüttelt an meiner Schulter, „Jeremy! Er ist weg!“
Das Licht ist an. Ich gucke auf die Uhr, es ist kurz nach Mitternacht. Höchstens eine halbe Stunde habe ich geschlafen. „Was ist denn los?“
Miloš guckt mich mit Angst im Blick an. „Er ist weg!“
„Wer ist weg?“
„Der Geist!“
Ich fasse seine Hand an, sie ist kalt. Kalt? Ich ziehe ihn neben mich und prüfe die Temperatur an seiner Stirn. Kein Fieber, aber er zittert am ganzen Körper. Sehr seltsam.
„Ich spüre ihn nicht mehr. Jeremy. Warum ist er weggegangen? Erklär mir das. Bitte.“
Wovon redet er? Und warum hat er solche Panik?
Es kann ja sein, dass das hier alles Zufälle sind und es nur ein Durchhänger seines Immunsystems ist und ich alles überinterpretiere – aber was, wenn meine „Atembeschwerden“ Anzeichen von geistlicher Belastung waren? Gegen eine definierte Angst, wie zum Beispiel neulich wegen der Böllerei, kann ich beten, aber wenn ich nicht mal weiß, woher sie kommt? Ich brauche jetzt sofort einen Heilig-Geist-Experten, denn das hier ist ein paar Nummern zu groß für mich. Mir fällt nur einer ein. Dass unser Haushalt gerade im Besitz eines Autos ist, kommt mir dabei sehr gelegen. Ich ziehe mich wieder an; Miloš muss nichts anziehen, weil er noch nichts ausgezogen hat.

Kurz hinter Hoorn verlasse ich die Schnellstraße, durchfahre Hauptstraßen, biege in Nebenstraßen ein und halte schließlich in einer kleinen Straße am Stadtrand.
Das Häuschen ist dunkel, aber ich klingele trotzdem an der Tür.
Nach etlichen Minuten tut sich endlich etwas im Hausflur. „Ja bitte?“, fragt eine alte und verschlafene Stimme hinter der Tür, „Wer ist da?“
„Ich bins, Jeremy Willem. Ich brauche deine Hilfe.“


hundertdreiunddreißigstes Kapitel

Theodorus hat seinen Schwiegersohn Thomas, der ihn als Fahrer und Assistent auf vielen Reisen begleitet und der im Nachbarhaus wohnt, zu Hilfe geholt und gemeinsam haben sie für Miloš gebetet, ihm Fragen gestellt und zugehört und die Hände aufgelegt, wie Seelsorge, nur viel intensiver – als Reaktion auf ein akutes Ereignis.
Als ich noch dachte, es würde nicht lange dauern, habe ich mich in die Küche verzogen, um nicht zuhören zu können. Es gibt Dinge in seinem Leben, die will ich nicht wissen. Andere will er mir nicht sagen.(232) Außerdem bin ich sein bester Freund und nicht sein Seelsorger. Das muss man trennen.
Als es dann schon länger gedauert hatte, habe ich meine Erinnerungen an früher ausgekramt, das Gästezimmer gefunden und darin ein Bett, in das ich hineingefallen und sofort eingeschlafen bin.
Mehrmals bin ich wach geworden, weil jemand geschrien hat. So, als würde ein Kampf stattfinden. Aber wer sollte da schreien? Wer sollte kämpfen? Mit wem? Und warum? Ich habe das alles nicht verstanden, vielleicht waren es auch nur Geräusche von draußen.

433

Danach stellt Merle uns vor. „Guten Abend allerseits. Wir sind Donnerdrummel und kommen aus Zuyderkerk. Ich sag das lieber mal gleich: wir sind keine Jazzband. Wir haben überhaupt keine Ahnung von Jazz. Noch dazu sind wir leider nicht mal komplett, die Frau am Akkordeon fehlt. Deswegen mussten wir die Band kurzfristig umstellen. Sonst haben wir nämlich keine E-Gitarre dabei. Aber wir versuchen, das Beste draus zu machen und hoffen, es macht euch Spaß.“
Das erste Lied nach dem Wechsel ist das Höllenlied, das ich mit meiner Textimprovisation versehe. Wir rauben ihm damit zwar die Botschaft, aber für die Botschaft haben wir ja inzwischen auch andere Lieder.
Miloš trommelt, als säße er unter Wasser. Ich drehe mich mehrfach zu ihm um und versuche ihn mit Gesten zu einer schnelleren Gangart anzutreiben, aber er wird nicht besser. Ganz im Gegenteil. Im Laufe des Abends wird sein Verhalten immer seltsamer. Wären wir Luftballons, würde ich sagen, er hat ein winzig kleines Loch, durch das ihm langsam aber stetig die Füllung abhanden kommt. Ich habe so etwas noch nie erlebt, erst recht nicht bei meinem robusten Freund. Ist er vielleicht krank?
Die neuen serbischen Lieder funktionieren genauso wenig wie ihr Erfinder. Es ist, als hätten wir ein Produkt in Einzelteilen geklaut und nachgebaut, ohne den Bauplan zu kennen. Nur mit Gottes Hilfe und unserer Routine(230) kriegen wir die Angelegenheit so hin, dass der Veranstalter das Gefühl hat, sein Geld nicht umsonst ausgegeben zu haben.
Merle und ich einigen uns darauf, keine Zugabe zu geben. Wir trauen uns nicht, den Zuhörern die Wahl zu lassen, weil wir fürchten, dass sie uns nicht wieder auf die Bühne rufen. Wir trennen uns endgültig von der Setliste, wechseln ein letztes Mal, Miloš geht hinter die Trommeln und ich singe zusammen mit ihr den irischen Reisesegen.

Ziemlich bald haben wir schon wieder unsere Sachen im Transporter verstaut.
Steven gefällt unsere Stimmung gar nicht. Er hatte sich auf einen lustigen Abend mit der Band eingestellt und nun ist er von langen Gesichtern umgeben.
„Merle“, fängt Miloš zögernd an, „Könntest du vielleicht–“
„Könnte ich dich vielleicht wieder ans Steuer lassen? Keine Frage!“, kommt sie ihm zuvor und hält ihm den Autoschlüssel hin.
Er nimmt ihn. „Nein, ich meine … könntest du im Transporter mitfahren?“
„Willst du alleine sein? Wenn du wieder so fährst wie eben, schlaf ich sowieso nach zehn Minuten ein, das ist dann wie alleine sein.“
„Ja. Nein. Kannst du mit Jeremy den Platz tauschen?“
„Und wie komm ich dann nach Hause?“
Steven versteht nicht, worum es geht, aber er bietet an: „Ich bring dich heim.“
„Danke“, sagt sie zu ihm, und zu Miloš: „Okay, wir treffen uns morgen zum Mittagessen bei mir. Halb eins. Abgemacht?“
„Abgemacht.“
„Abgemacht, Jeremy?“, erkundigt sie sich extra noch bei mir.
„Ja, logo. Bis morgen.“
„Und ihr räumt auch morgen den Wagen aus?“, fragt Steven.
„Ja.“
„Gut. Den Schlüssel kriegt ihr bei den Bäckern. Ich weiß gerade nicht, wer morgen die Schichtleitung hat, aber irgendwer wird da sein. Nehmt es nicht so schwer. Beim nächsten Mal ist die Lisanne wieder dabei, dann läuft es wieder. Ihr werdet schon sehen.“ Damit schwingt er sich auf den Fahrersitz und lässt den Motor an.
Als der Hinterhof leer ist, frage ich: „Und was tun wir jetzt?“
„Ich weiß es nicht.“
„Es ist scheiße gelaufen, aber das ist bitte nicht dein Problem, mein lieber Perfektionist. Na los, steig ein und fahr uns nach Hause.“

432

„Jeremy“, höre ich Miloš’ Stimme, zwar als würde er durch eine gelöcherte Konservendose sprechen, aber doch so ruhig, wie er nur sein kann. „Worüber denkst du nach? Machst du dir hunderttausend Gedanken darüber, dass wir uns zu weit aus dem Fenster gelehnt haben? Dass unsere Musik kein Jazz ist? Ob die Leute uns zuhören werden? Dass es ein Fehler war, zuzusagen? Und so weiter, und so fort?“
Ich bin zu überrascht um es abzustreiten. „Wie kannst du das wissen?“
„Steven hat mich gerade überholt. Da konnte ich kurz einen Blick bei euch hineinwerfen und ich dachte, es wäre dringend, dich anzurufen. Hör mir zu. Du hast natürlich recht, unsere Musik ist kein Jazz. Aber dieser van Loo hat uns engagiert, ohne je ein Demo von uns bekommen zu haben. Sein Bruder hat einer Kollegin von seinem Missgeschick erzählt und die hat eine Band aus dem Hut gezaubert. Niemand kann da erwarten, dass wir Jazz spielen. Der van Loo wird uns dankbar sein, weil wir sehr spontan eingesprungen sind. Das ist der erste Punkt. Zweitens bist du nicht allein auf der Bühne. Egal ob du trommelst oder da-da-da singst, wir sind zu dritt. Sollte die Band wirklich ausgelacht werden, trifft es nicht dich alleine. Dann packen wir unseren Krempel ein und fahren sofort wieder nach Hause. Wir bleiben nicht mal auf den Fahrtkosten sitzen, die zahlt der Veranstalter. Gut?“
„Hm“, mache ich leise. „Hast du vielleicht noch einen dritten Punkt?“
„Ja“, sagt er und ich höre ihn lächeln. „Den habe ich. Im Namen von Jesus, ich segne dich mit Mut, ich segne dich mit Begeisterung, ich segne dich mit Freude. Wir werden einen guten Abend haben und ich segne dich damit, den Leuten das Evangelium zu predigen. Und wenn du ihnen dabadaba-schubidu singst, soll es in ihren Ohren klingen wie Engelsgesang.“
„Hört die Merle die ganze Zeit zu?“
„Nein, sie schläft. Reicht dir das als dritter Punkt?“
„Ich glaub schon. Danke.“
„Eins noch.“
„Ja?“
„Hör auf, dich fertig zu machen. Deine Feinde sind meine Feinde, aber wie soll ich dich vor einem Feind beschützen, der du selber bist?“
Hör auf, mich so zu analysieren, denke ich, sage „Ich werds beherzigen, bis später“ und drücke auf das rote Knöpfchen.
„Was habt ihr geredet?“, will Rianna sofort wissen.
„Sei nicht so neugierig“, bremst er seine Tochter aus.


hundertzweiunddreißigstes Kapitel

Ich bin mir nicht schlüssig, was ich vom „van Loo“, wie Perry van Loo seinen Club fantasievoll genannt hat, halten soll, und da rede ich nicht von Äußerlichkeiten. Die Atmosphäre ist sonderbar. Bedrückend. Es ist keineswegs so, dass alle mit Beerdigungsstimmung herumsitzen und in ihr Getränk starren, die Leute sind gut drauf, unterhalten sich und lachen auch. Aber mir ist, als könnte ich nicht frei atmen.
In der letzten Viertelstunde vorm Auftritt verziehen wir uns in den Raum, den wir heute Abend für uns haben. „Okay, Jungs. Warum gehen wir heute auf die Bühne?“, stellt Merle die mittlerweile rituelle Frage, die sonst Lisanne stellt.
„Um einen guten Job zu machen“, antworte ich. „Wir sind für Musik gebucht, also wollen wir Musik machen.“
„Und wenn ein Musikproduzent im Publikum ist und uns einen Plattenvertrag anbietet, wenn wir ab sofort nur noch so Musik machen wie heute, was dann?“
„Dann werden wir uns die Freiheit nicht wegkaufen lassen.“
Ich bete für gutes Gelingen, gegen Verletzungen, bete auch dafür, dass Lisanne ohne uns eine gute Zeit hat und dann gehen wir raus auf die Bühne. Zum Warmwerden sind wir drei Lieder lang jeder auf seinem angestammten Platz, so ist es vereinbart.

Als erstes spielen wir eins der alten Liederheftstücke, das ich mit „Locomotive breath“ von Jethro Tull kombiniert habe. Der überwiegende Teil des Publikums ist alt genug, um das Original zu kennen und geht mit. So war es beabsichtigt.

431

Weil der Transporter nur Platz bietet für drei Personen, Merle aber nicht alleine in ihrem Auto sitzen wollte, hat Miloš sich bereit erklärt, mit ihr zu fahren – unter der Bedingung, dass er ans Steuer darf. Merle ist das recht, denn sie hat mittlerweile festgestellt, dass es angenehm ist, von ihm durch die Gegend gefahren zu werden. Ich habe ja keine Ahnung von solchen Dingen, in meinen Augen fährt fast jeder Mensch gut, aber sie lobt seine Fahrweise als sehr entspannt und entspannend.
Donnerstag und Freitag hat er nur jeweils sechs Stunden gearbeitet, heute und morgen hat er frei, deswegen ist er in wesentlich besserer Form als am Dienstag.
Der freie Platz im Transporter wird sofort neu besetzt. Stevens 13-jährige Tochter Rianna will seit der Helferparty, bei der die Familie unseres Vermieters natürlich auch eingeladen war, zu einem unserer Auftritte mitkommen, aber entweder war den Eltern die Fahrt zu weit, der Auftritt zu spät oder sie haben keine Mitfahrgelegenheit für ihre Älteste gefunden. Heute ist der ideale Tag.
Sie ist bester Stimmung und erzählt in einem Zug Geschichten aus ihrem Leben. Nach kurzer Zeit sperre ich das Geschnatter aus meinem Kopf aus und fülle ihn mit meinen eigenen Gedanken. Ein bisschen mulmig ist mir schon. Wird das Publikum unsere Musik als Jazz anerkennen? Und wenn nicht, werden sie trotzdem zuhören? Wird unser Rotationsmodell funktionieren? Immerhin muss ich keine Sorge haben, dass ich den Text vergessen könnte! Hoffentlich ist für uns auch der ideale Tag.
„Jeremy, was ist los?“, reißt Steven mich aus der Grübelei, als wir schon eine Weile unterwegs sind. „Lampenfieber?“
Ich wackle mit den Schultern. „Ich hatte schon schlimmeres.“
„Papa, was ist Lampenfieber?“
„Das sagt man, wenn einer aufgeregt ist.“
„Und warum heißt das so?“
Ich höre nicht länger zu. Wir werden gleich das erste Mal ohne Lisanne auf der Bühne stehen. Als sie ihren Fuß kaputt hatte, stand es auch auf der Kippe, ob sie mitspielen wird. Damals war ich sicher: es lohne sich nicht, ohne sie aufzutreten. „Wer Donnerdrummel bucht, soll nicht nur Donner…mel bekommen.“ Meine Worte. Was macht uns jetzt so sicher, dass es klappen wird? Miloš ist ja wie üblich finster entschlossen, aber wird das reichen? Was machen wir, wenn die Jazzfreunde unsere Musik nicht gut finden? Ich hätte mich nicht so von Becks Begeisterung mitziehen lassen sollen.
„Da sagt der Kerl einen kurzen Satz und schweigt weiter!“, regt Steven sich lachend auf. „Was glaubst du, wofür ich dich hier mitfahren lasse? Du sollst dieses Kind davon abhalten, mich zu Tode zu quasseln!“
„Ich bin kein Kind“, beschwert Rianna sich prompt.
„Du bist mein Kind“, stellt er das richtig. „Aber du könntest mal ein paar Minuten lang schweigen. Schaffst du das?“
„Schweigen muss ich schon in der Schule immer. Darf ich das Radio anmachen?“
„Ja, mach das Radio an“, seufzt der Vater lächelnd.
„Papa, hier ist eine CD drin.“ Sie zieht die CD aus dem Schlitz, liest den Aufdruck und hält sie mir unter die Nase, „Igitt, was ist denn das für ein Zeug?“
„Es gibt Leute, die hören gerne Heimatlieder. Die hat wohl jemand vergessen.“
„Serienmäßig gibt es das jedenfalls nicht in meinen Autos“, lacht Steven. „Schieb sie wieder rein, dann geht sie nicht verloren.“
Ist es die Instrumentierung, die Musikstile charakterisiert? Ich fürchte, wir haben uns auf einen großen Fehler eingelassen. Rockmusik ist kein Jazz, nur weil man Instrumente tauscht. Wenn man einen Rapper in eine westfriesische Tracht steckt, wird er kein Heimatdichter und seine Musik kein Heimatlied. Auch wenn er seiner Heimat ein Denkmal setzt.
Rianna stupst mich an. „Hier, ist für dich.“ Sie hält mir ein Handy hin.
„Wie, für mich?“
„Nimm es und sprich rein.“
„Ja?“, frage ich aus Gewohnheit.