16. Dezember 2015

362

„Aber dir geht’s gut mit der Arbeit?“
„Ja, das läuft prima. Im Moment haben wir eine tolle Gruppe. Es sind wenig Zicken dabei, keine Streithähnchen … das macht Spaß. Fast alle sind trocken, das erleichtert die ganze Angelegenheit ziemlich.“
„Und mit eurem neuen Unterrichtshelfer klappt es auch?“
„Bernard? Sehr gut, der ist super. Ich hoffe, dass er länger bleibt, nicht nur für das Jahr.“
„Und was machen die Donnerdrummels?“, fragt sie mich weiter aus.
„Winterpause. Gemütliche Treffen und experimentelle Proben, weiter nichts. Wenn es nach mir geht, sind wir vor März nicht wieder auf der Bühne.“ Im März wird schließlich geheiratet!
„Kriegen die Fans vielleicht eine kleine CD, um die Wartezeit zu überbrücken?“
„Weißt du, wie viel Arbeit eine kleine CD ist, wenn man ein bisschen auf Qualität achtet?!“
„Okay, falsches Stichwort bei einem Perfektionisten wie dir. Es gibt also keine kleine CD.“
„Und ich bin ja nicht mal der schlimmste Perfektionist der Band!“
„Warum, wer ist schlimmer?“
„Na rat mal!“
Sie lacht. „Miloš. Merle und Lisanne geht es auch gut?“
„Ja. Merle hat jetzt einen neuen Job bei einem Feinkosthändler hier in Alkmaar, ich hab aber den Namen vergessen. Die haben auch ein Catering, wir könnten das nächste Festessen liefern lassen.“
„Ach, lass mal. Die Jungs wüssten das gar nicht zu schätzen, und wer soll das bezahlen? Ein gutes Essen bringen wir auch ohne Feinkosthändler auf den Tisch. Apropos, könntest du den Tisch decken?“
„Frag Miloš, der deckt den Tisch nach geometrischen Proportionen.“
„Ich will keine geometrischen Proportionen, sondern Teller auf dem Tisch, außerdem soll es in den nächsten fünf Minuten fertig werden. Und du kennst dich aus in meinen Schränken, also hopp“, scheucht sie mich auf.
Gehorsam räume ich allen Kram von der großen Tischplatte, ziehe noch zwei Klappen aus, breite weiße Tischdecken darüber und wende mich zum Geschirrschrank.
Bas betritt die Küche. „Ah, es gibt Essen! Das wird aber auch Zeit, ich verhungere gleich!“
Ich drücke ihm den Tellerstapel in die Hände, „Bitte verteilen“ und fange an, in der Besteckschublade zu wühlen. Irgendwann habe ich ausreichend Gabeln, Messer, kleine Löffel beisammen und gruppiere sie sinnvoll zwischen den Tellern. Bas hat in der Zwischenzeit Gläser hingestellt und darf rote Servietten in der Diagonalen falten.
Marjorie hat Nudeln, Kartoffelklöße und das Gemüse in Schüsseln verteilt, steckt Löffel dazu, füllt die Soßen in Kannen und bringt die Platten mit Fisch und Fleisch zum Tisch. „Bas, hol die anderen“, weist sie ihren Mittleren an.
Irgendwo finde ich noch Platz für die Salatschüssel und schiebe sie dazwischen.

Nun strömt die restliche Familie in die Küche und ich öffne schon mal vorsorglich das Fenster auf Kipp, sonst fallen wir gleich alle wegen Sauerstoffmangels vom Stuhl.
Als alle auf ihren Plätzen sitzen, klopft Mommi mit dem Löffel gegen ihr Trinkglas, bis das Geschnatter verstummt. „Ich freue mich sehr, liebe Kinder, dass ich auch dieses Jahr mit euch zusammen den Sinterklaas feiern darf. Vor allem freue ich mich über die beiden Jungs, die das erste Mal mit von der Partie sind. Cornelius, Miloš: ihr seid eine Bereicherung. Ich kann mir das Leben ohne euch nicht mehr vorstellen. Und falls es euch aufgefallen ist“, wendet sie sich wieder an uns übrige, „wir sitzen hier zu neun Leuten. Das letzte Mal, dass wir zu neunt gefeiert haben, ist vier Jahre her. Damals war Willem noch dabei. Und natürlich Helena. Die beiden haben sich in verschiedene Richtungen aus unserem Familienkreis verabschiedet. Abschied ist immer ein Grund zur Trauer. Dass wir hier zusammen sein können, ist ein Grund zur Freude. So, und jetzt höre ich mit dem Gequatsche auf. Danke, lieber himmlischer Vater, für das Essen und die Gemeinschaft. Segne den weiteren Abend.“
„Amen“, sagen wir alle zusammen, und dann geht das Fest endlich so richtig los.

361

Innerhalb des Kollegiums haben wir denselben Spaß veranstaltet, ich weiß gar nicht, wer auf diese Idee gekommen ist (ich war es nicht), hier ist aber die Maßgabe, dass es nichts kosten darf. Da kann man also selber was basteln oder man greift auf Dinge zurück, die sich bereits im Besitz befinden.
Da ich ja wahnsinnig gut organisiert bin, habe ich das Ding, das ich verschenken will, bereits vor dem Umzug bei Mommi in Obhut gegeben. Es handelt sich um eine emaillierte Kleinkinderbadewanne, in die man Blumen hineinpflanzen kann. Ich habe sie vor Jahren auf dem Sperrmüll gefunden und mitgenommen. So eine Wanne kann man ja immer mal brauchen. Damit der Zweck ersichtlich ist (denn zum Baden taugt das Behältnis nicht mehr, der Boden ist stellenweise durchgerostet), habe ich bei Mommi ein Tütchen Blumensamen geschnorrt, das kommt dazu.
Was die ganze Sache ungemein vereinfacht, ist die Tatsache, dass die zu beschenkende Person meine Kollegin Wiebke ist, und bei der weiß ich, dass sie Blumen mag.


hundertzwölftes Kapitel

Zum Fest des Jahres sind wir – Cokko, Mommi, Miloš und ich – bei der Familie in Alkmaar eingeladen.
Marjorie wird uns bekochen und sie hat es abgelehnt, dass ich mich an den Vorbereitungen beteilige. Nächstes Jahr, hat sie angekündigt (oder angedroht?), werde sich die ganze Horde bei mir versammeln, es sei endlich genug Platz, und dann könne ich immer noch beweisen, dass meine Küche gut ausgerüstet sei.
Das war nicht die einzige Diskussion im Vorfeld des Fests.
Miloš war es anfangs sehr unangenehm, mit zu meiner Familie zu kommen. „Ich kenne sie doch gar nicht, ich weiß nicht, was ich mit ihnen reden soll! Außerdem habe ich keine Geschenke!“, hat er sich gesträubt.
Mommi hat die Debatte beendet. „Du gehörst zu meiner Familie, ich will dich dabei haben“, hat sie bestimmt. Was soll man dagegen noch sagen?

Cokko ist kurz vor uns angekommen und wir sind erst mal eine Weile damit beschäftigt, alle Leute zu begrüßen und Neuigkeiten, Befindlichkeiten und die übrigen Zustandsbeschreibungen auszutauschen.
Mommi geht mit Chris auf sein Zimmer, weil er ihr etwas zeigen will, Ad und Miloš finden ein gemeinsames Thema und Cokko wird von Bas und Gerrit in Beschlag genommen. Marjorie und ich verziehen uns in die Küche, aus der es bereits sehr gut riecht.
„Wie läuft’s bei euch im Haus?“, will sie wissen.
„Gut. Bis auf die Tatsache, dass noch jede Menge Möbel fehlen, sind wir fertig.“
„Ja, ihr habt halt nicht zwei Haushalte zusammen gelegt, sondern nur einen vergrößert. Aber das gibt sich mit der Zeit. In der Nähe vom Käsemarkt hat jetzt ein Second-Hand eröffnet, der hauptsächlich Möbel hat. Schaut doch mal rein.“
„Ich war schon da. Das Sortiment ist gut, aber hast du dir die Preise angeguckt?“
„Na, aber für zwei Leute müsste das doch zu stemmen sein. Möbel kauft man sich ja auch nicht jedes Vierteljahr neu. Gib mir das Sieb.“
Ich tue es. Vermutlich wird die Einrichtungssituation eher so aussehen, dass wir uns jedes Vierteljahr ein weiteres Möbelstück leisten können, wenn ich sie nicht alle selber baue.
Weil ich nicht weiter rede, fragt sie schließlich, als sie die Nudeln abgegossen hat: „Hat Miloš denn immer noch keinen anständigen Job?“
„Wenn du ihn fragst, sagt er, dass er einen hat. Meines Erachtens lässt die Schule ihn am langen Arm verhungern. Sie haben ihm alle möglichen Sachen versprochen und nun verbringt er sein Leben damit, auf Abruf Kinder durch die Gegend zu fahren und den Schulhof zu kehren. Der Förderverein hat das sicher nicht so geplant, aber die Busfahrerei ist zum emotionalen Knebel geworden. Wenn er sich etwas anderes sucht, wird er die Kinder nie wieder sehen. Zumindest nicht in dem Rahmen wie es jetzt ist. Das kann er nicht machen, sagt er.“

360

„Das bleibt natürlich mein Geheimnis. Nein, es ist Tonis Geheimnis. Also für alle: Toni ist mein neuer Chef. Heute haben wir den Vertrag unterzeichnet, Montag fange ich an. Und die ganzen Sachen hat er mir ausgegeben, weil ich gesagt habe, dass ich heute Abend noch meine Band treffe. Und weil er froh ist, mich endlich überzeugt zu haben.“
„Und was sind deine Aufgaben?“
„Ich wickle mit Toni Warenein- und Ausgang ab, ich helfe Xavier bei der Qualitätskontrolle und betreue die Kunden. Xavier ist Koch. Ja, und Fergus gehört auch noch dazu. Der ist ein ungelerntes Rundumgenie, der kann kochen, backen, verzieren, servieren und so weiter, der ist auch immer beim Catering unterwegs. Dazu werden diverse Servicekräfte engagiert, teils sind das Aushilfen, teils feste Partner. Aber es werden auch immer neue Aushilfen gesucht.“
„Lass mich raten, die Qualitätskontrolle macht am meisten Spaß?“, tippt Miloš und erlöst die beiden Fleischbällchenhälften von unserem freudlosen Miteinander.
„Glaubst du, dass ich mich da durchs Sortiment futtern kann? Die meisten Lebensmittel müssen durchgehend gekühlt sein, Hygieneregeln müssen eingehalten werden und so weiter. Aber ja, ich darf auch kosten. Und der Wareneingang befasst sich ja nicht nur mit dem Tagesgeschäft, sondern ich bestelle auch noch die ganzen übrigen Sachen, die eine kleine Firma so braucht. Kaffeepads, Klopapier, Kugelschreiber und so weiter. Könnte übrigens sein, dass Toni einen besseren Job für dich hat als Kinder durch die Gegend zu kutschieren.“
„Ich kann Kartoffeln schälen, Schnittlauchröllchen schneiden und spülen. Dabei bin ich sehr gründlich“, gibt er ein fast umfassendes Tätigkeitsprofil ab, „Mit den Kartoffeln geht es, aber Jeremy sagt, das Schnittlauch wird welk, bevor ich fertig bin.“
„Vielleicht finden wir noch was anderes“, lacht sie. „Jedenfalls wird mit den meisten Waren nur gehandelt, das heißt, sie gehen am selben Tag raus wie sie gekommen sind. Daneben gibt es noch die Spezialitäten des Hauses, die Toni entweder alleine oder zusammen mit Xavier entwickelt hat.“
„Wie sind denn deine Arbeitszeiten?“
„Vielviel besser als im Restaurant. Und ziemlich flexibel. Generell habe ich am Wochenende frei. Mittwochs fange ich erst um zwölf an. Toni sagt, wenn wir irgendwo einen Auftritt haben, will er das auf jeden Fall fördern. Und er möchte ein paar Aufnahmen von uns haben, aber ich habe mir gedacht, wir könnten ihn auch mal zu einer Probe einladen, oder? Ich könnte andeuten, dass euch die Canapés so gut geschmeckt haben.“
Lisanne grinst. „Das klingt nach Bestechung.“
„Das wäre es erst, wenn wir nur für ihn Musik machen, wenn er neue mitbringt.“
„Okay, sag ihm das. Er kriegt Musik gegen das Rezept von diesen roten Pasteten.“
„Ausgerechnet die unterliegen der höchsten Geheimhaltung. Um an das Rezept zu kommen, musst du ihm wesentlich mehr bieten als Musik, fürchte ich.“
„Wir könnten uns konspirativ in meiner Küche treffen. Ach was“, winke ich ab, „ich komme euch demnächst mal besuchen, dann ergibt sich alles weitere.“
„Dein Chef soll das Rezept schon mal aufschreiben“, grinst Miloš, „er hat keine Chance.“

Die restliche Woche verläuft erfreulich ereignislos. Im Haushalt ist fast alles an seinem Ort angekommen, nach und nach verschwindet das Renovierungszubehör aus dem Hausflur und die Kartons aus allen übrigen Ecken.
In der Schule laufen letzte Vorbereitungen für Sinterklaas, dem wichtigsten Fest im niederländischen Jahr.(186) Sogar der Koninginnedaag steht dahinter zurück.
Jedes Driehoeken-Kind hat seinen Namen auf einen Zettel geschrieben und dann einen anderen Zettel aus einem großen Topf gezogen. Nun darf sich jeder ein kleines Geschenk für die anderen überlegen. Damit kein Einkaufswettrennen daraus wird, haben wir fünf Euro als Obergrenze gesetzt. Das können sich auch die ärmeren Familien leisten.

359

hundertelftes Kapitel

Dienstags ist endlich noch mal ganz normal Bandprobe. Wir versammeln uns und machen ein bisschen Musik und versuchen so zu tun, als hätten unsere Bandproben nie anders ausgesehen.
„Ich bin übrigens am Freitag ein Weilchen hier gewesen und habe mir was ausgedacht“, präsentiere ich meine neue Idee und nehme die Gitarre vom Haken.
Ich spiele A-Moll, G, F und E7 an, dann bringe ich den Text dazu: „Jezus houdt van je, vergeet het nooit, nooit, nooit!”
Das Ganze wiederhole ich zweimal, dann ist die Kreativität leider am Ende.
„Hit the Road, Jack“, enttarnt Lisanne das Original. „Du solltest dir die Methode patentieren lassen, auf bestehende Lieder einen neuen Text zu erfinden. Das ist cool.“
„Uncool ist allerdings, dass mir nicht mehr einfällt. Ich melde also kein Patent an. Freiwillige vor für ein bis fünf Strophen, noch mehr Refrain oder was auch immer. Melodie und Takt müssen eingehalten werden, Sprache ist egal.“
„Ich denk drüber nach“, verspricht sie.

Ganz so normal ist der Abend doch nicht, denn zur Pause(185) deckt Merle ein paar Servietten auf den Tisch und fordert uns auf: „Feiert mit mir. Ich habe eine neue Arbeit.“
„Cool!“, „Sehr schön!“, freuen wir uns.
Derweil breitet sie auf den Servietten aus, was sie aus zwei Schachteln holt: Lachsschnittchen, Gurken-Sandwichs, Hackfleischbällchen, Brezelchen, Cracker mit Kaviar oder weißer Creme, Tomatenplätzchen, Pastetchen, belegte Baguettescheiben, Käsespieße, Remoulade-Eier, Karottenröschen und anderen Leckereien.
Dazu öffnet sie eine Flasche Sekt, gießt ihn in die letzten vier sauberen Kaffeebecher und wir stoßen an. Miloš gibt mir seine Tasse und will seine Mineralwasserflasche holen. „Es ist alkoholfreier Sekt“, sagt sie.
„Du denkst an alles.“
„Wir Dicken müssen zusammen halten.“
„Ich bin nicht dick!“, bemerkt er pikiert.
„Aber du hast zugenommen. Seit dem Sommer. Nicht viel. Fünf Kilo, schätze ich.“
Verdattert starrt er sie an. „Woher weißt du das?“
Merle lacht wiehernd. „Ich hab doch Augen im Kopf! Aber mach dir nichts draus, es sieht super aus. Vor allem hier.“ Sie klapst ihm auf den Hintern.
Reflexartig fasst er sich an das gelobte Körperteil, was dazu führt, dass wir übrigen noch mehr lachen. Misstrauisch fragt er: „Soll das jetzt ein Kompliment sein?“
„Was hätte es sonst sein können?“
Bevor er noch so ein Kompliment riskiert, setzt er lieber auf ein Stück Sicherheitsabstand.
Grinsend nimmt sie das zur Kenntnis und informiert mich: „Bis auf die Mettperlen ist alles ohne Fleisch.“
„Mettperle!“, wundere ich mich und kann der Versuchung nicht widerstehen: ich nehme eine, rieche dran (köstlich) und zerteile sie, um die Konsistenz zu prüfen. Tja, und was mache ich nun damit? Ich kann sie ja schlecht zurück zu den anderen legen!
„Was hast du für das Buffet gezahlt?“, erkundigt sich Lisanne.