„Flirten?“, gibt sie zurück und tut ertappt. Dabei lacht sie. Eigentlich ist es nämlich so, dass sie Cokko einfach gerne anschaut (das hat sie mir zumindest mal anvertraut), und bei ihm scheint es ganz ähnlich zu sein. Außerdem finden ja fast alle Menschen meinen Bruder nett.
Zum Glück hat Simone die kleine Unterhaltung verpasst, weil sie sich im Schlafzimmer noch einen Kuss abgeholt hat und eine Umarmung, ein paar nette Worte und einen verliebten Blick – oder was weiß ich. Sonst würde sie sich schön darüber aufregen, dass Lisanne mit Cokko flirtet und vermutlich noch mehr darüber, dass er Gefallen daran hat, andere Frauen als sie zu betrachten. Aber ist das nicht normal? Ich kenne keinen Mann, der das nicht tut.
Nun greift sie ins Regal und holt das blaue Reisbuch heraus. Es gibt auch noch ein rotes, aber das habe ich Grietje geliehen. „Was hältst du von … huch, so was hab ich ja noch nie gehört, geschweige denn gegessen: Risotto mit Cannellini-Bohnen? Was sind das denn für Bohnen?“
„Ganz normale weiße Bohnen. Hab ich aber auch nicht da.“
„Du hast keine Pilze, du hast keine Bohnen … hast du überhaupt irgendwas in deiner Küche?“, macht Miloš sich über mich lustig.
„Mach mal den Kühlschrank auf, da guckt dich eine Zucchini an“, kontere ich. Ich habe nämlich festgestellt, dass er keine Zucchini mag. Aber wahrscheinlich weiß er einfach nicht, was man damit Leckeres anstellen kann. (80)
„Wenn sie schon gucken kann, solltest du sie einem Zoo schenken“, rät er und schnappt sich eine geheftete Sammlung kretischer Gerichte, die Grietje im Urlaub aufgeschrieben und für mich mitgebracht hat. „Hier – marinierte Meerbarben!“
„Bist du bescheuert?!“, rege ich mich künstlich auf. „Ich bin doch kein Drei-Sterne-Restaurant! Außerdem steht da groß und deutlich, dass die Viecher zwei Tage im Kühlschrank marinieren müssen, Mensch, lies doch mal!“, mache ich ihn an, und Miloš lacht mit. „Nee, bei dem Theater hast du wirklich keine Sterne verdient, du Anfänger!“
Lisanne ist jetzt bei „Suppen aus aller Welt“ angekommen. „Mhmm, Mexikanische Maissuppe, das klingt aber lecker.“
„Stimmt“, sage ich und gucke ihr über die Schulter, um die Zutaten zu lesen. „Aber: da sollen zwei Esslöffel Epazote rein. Da ich fast nie mexikanisch koche, kauf ich so was nicht. Es ist mir zu teuer, um es einfach so im Schrank stehen zu haben.“
„Wir gehen los und kaufen es“, bietet Miloš an. „Dein Syrer hat es bestimmt.“
„Hat er nicht, er ist kein Mexikaner. Der nächste Laden für solche Sachen ist in Alkmaar.“
„Manchmal machst du es dir echt selber kompliziert“, bemerkt Simone. „Warum bestellst du das Zeug nicht einfach? Hast du schon mal was vom Internet gehört?“
Bla, bla, bla, moser, muffel. Manchmal geht sie mir auf den Geist. Wenn ich es im Internet bestelle, kommen die Verkäufer sicher nicht auf die Idee, Kochrezepte mit mir auszutauschen oder mir landestypische Spezialitäten zu empfehlen.
„Wie wäre es mit Caldo verde?“, lautet Lisannes nächste Idee.
„Was ist das?“, fragt Miloš.
„Eine portugiesische Kartoffelsuppe.“ Ich halte das Suppenbuch zusammen mit ihrer Hand fest und blättere ein paar Seiten weiter. Es ist lange her, dass ich zuletzt was daraus gekocht habe. „Was haltet ihr von Französischer Zwiebelsuppe? Die beschleunigt vielleicht etwas, aber wir sitzen ja noch eine Weile zusammen, da pupsen wir alle in die gleiche Luft.“
Miloš stimmt zu, derweil schnaubt Simone: „Typisch Mann, da pupsen wir alle in die gleiche Luft! Das ist ja mal ein Argument!“
26. August 2015
173
„Tja, da haben zumindest Miloš und ich Pech“, fasst Simone zusammen, „Du und Lisanne, ihr braucht ja keinen Strom.“
„Nein, bitte. Lasst es“, sagt Steven. „Die Leute können besser ohne Musik arbeiten.“
„Und was machen wir stattdessen?“
Ich zucke die Schultern. „Wir könnten fragen, ob wir im Gemeindehaus üben dürfen. Bevor die Jesus-Pop-Band in Maartens Scheune eingezogen ist, haben wir immer da geprobt.“
„Na ja“, macht Simone und klingt einigermaßen unmotiviert.
„Da hinten kommen Miloš und Lisanne“, ich weise die Straße entlang, „warten wir einfach ab, was die sagen.“
„Du immer mit deinem basisdemokratischen Affentheater“, mosert Simone und ich finde, dass sie froh sein soll, dass ich über fast alles abstimmen lasse. Bei Eelco gab es nur eine Meinung, und das war seine.
In seiner neuesten Eigenschaft als Wortkünstler verbindet Miloš unseren aktuellen Aufenthaltsort mit dem Musikmachen und kommt zum Ergebnis, dass wir Straßenmusiker werden sollten. Lisanne findet das nicht so toll. „Und wo willst du dich hinstellen mit deiner Musik? In Zuyderkerk gibt’s keine vernünftige Fußgängerzone, die groß genug ist für eine Band und Leute, die ihre Ruhe haben wollen. Und hinterher kriegen wir Hausverbot, weil wir schief gespielt haben.“
„Nein, Fußgängerzonenverbot“, weiß er es besser, und bevor mir ein ähnlicher Unsinn einfällt, sagt er: „Am besten wir gehen zu Jeremy, er kocht was für uns und wir quatschen, bis wir unsere Zeit abgesessen haben.“
Die restlichen Bandmitglieder nicken diesen Vorschlag ab und ich bin überstimmt, ohne ein einziges Wort gesagt zu haben.
sechzigstes Kapitel
Schon auf dem Heimweg hat Miloš erste Vorschläge eingereicht, was er gern zu essen hätte, aber immer hat jemand etwas daran auszusetzen gehabt (außer Simone, die ist mit ihrem Auto gefahren). Als wir in den Flur kommen, greift sich Lisanne das alte Schulkochbuch vom Bücherbord, blättert es auf und bestimmt: „Nein, heute machst du bitte Kohlrouladen.“
Ich bin dagegen. „Die müssen nach der Zubereitung mindestens eine halbe Stunde schmoren, dann sitzen wir morgen noch hier.“
„Hm, das stimmt“, gibt sie zu, stellt das Buch zurück und nimmt mein neuestes Vollwertkochbuch. „Wie wär’s mit Nudelgratin mit Steinpilzen?“, fragt sie nach einigem Gucken. „Das sieht sehr lecker aus.“
„Pilze sind derzeit nicht im Angebot.“
„Nicht im Angebot?“, fragt Lisanne erstaunt, „Das heißt?“
Auf einmal steht Cokko zwischen uns im Flur. Er hat unserer nicht besonders leisen Unterhaltung offenbar schon ein paar Sätze lang zugehört und erklärt Lisanne: „Wenn er sagt, dass etwas nicht im Angebot ist, dann weigert er sich einfach, das Zeug zu kaufen. Ketschup hat er zum Beispiel auch nicht im Angebot, das muss ich immer selber kaufen.“
„Hallöchen Brüderchen“, begrüße ich ihn. „Du bist aber heute früh dran.“
„Ja, ich bin eine Viertelstunde eher aus dem Laden gekommen und konnte einen früheren Bus nehmen.“ Per Handschlag begrüßt er Miloš, Simone bekommt einen Kuss und Lisanne ein freundliches „Hallo“ gesagt. „Was treibt ihr hier? Wollt ihr die Kochbücher abstauben?“
„Jeremy kocht uns was und wir suchen aus, was er kocht. Schließlich haben wir nicht jeden Tag die Gelegenheit, umsonst im Restaurant zu sitzen“, witzelt Lisanne.
„Na, da bin ich ja mal gespannt, was es gibt“, sagt er und verzieht sich ohne weitere Worte ins Schlafzimmer.
„Was hat er?“, fragt Lisanne flüsternd, als sei ihr peinlich, wenn er ihre Frage mitbekommt.
Vermutlich war mein Bruder auf einen ruhigen Abend eingestellt, bis ich von der Bandprobe komme, und nun ist die Band ohne Probe hier. Aber das sage ich nicht, sondern: „Wahrscheinlich erwartet er Post von seinem Pa. Nachher kommt er zum Essen, dann kannst du immer noch mit ihm flirten.“
„Nein, bitte. Lasst es“, sagt Steven. „Die Leute können besser ohne Musik arbeiten.“
„Und was machen wir stattdessen?“
Ich zucke die Schultern. „Wir könnten fragen, ob wir im Gemeindehaus üben dürfen. Bevor die Jesus-Pop-Band in Maartens Scheune eingezogen ist, haben wir immer da geprobt.“
„Na ja“, macht Simone und klingt einigermaßen unmotiviert.
„Da hinten kommen Miloš und Lisanne“, ich weise die Straße entlang, „warten wir einfach ab, was die sagen.“
„Du immer mit deinem basisdemokratischen Affentheater“, mosert Simone und ich finde, dass sie froh sein soll, dass ich über fast alles abstimmen lasse. Bei Eelco gab es nur eine Meinung, und das war seine.
In seiner neuesten Eigenschaft als Wortkünstler verbindet Miloš unseren aktuellen Aufenthaltsort mit dem Musikmachen und kommt zum Ergebnis, dass wir Straßenmusiker werden sollten. Lisanne findet das nicht so toll. „Und wo willst du dich hinstellen mit deiner Musik? In Zuyderkerk gibt’s keine vernünftige Fußgängerzone, die groß genug ist für eine Band und Leute, die ihre Ruhe haben wollen. Und hinterher kriegen wir Hausverbot, weil wir schief gespielt haben.“
„Nein, Fußgängerzonenverbot“, weiß er es besser, und bevor mir ein ähnlicher Unsinn einfällt, sagt er: „Am besten wir gehen zu Jeremy, er kocht was für uns und wir quatschen, bis wir unsere Zeit abgesessen haben.“
Die restlichen Bandmitglieder nicken diesen Vorschlag ab und ich bin überstimmt, ohne ein einziges Wort gesagt zu haben.
sechzigstes Kapitel
Schon auf dem Heimweg hat Miloš erste Vorschläge eingereicht, was er gern zu essen hätte, aber immer hat jemand etwas daran auszusetzen gehabt (außer Simone, die ist mit ihrem Auto gefahren). Als wir in den Flur kommen, greift sich Lisanne das alte Schulkochbuch vom Bücherbord, blättert es auf und bestimmt: „Nein, heute machst du bitte Kohlrouladen.“
Ich bin dagegen. „Die müssen nach der Zubereitung mindestens eine halbe Stunde schmoren, dann sitzen wir morgen noch hier.“
„Hm, das stimmt“, gibt sie zu, stellt das Buch zurück und nimmt mein neuestes Vollwertkochbuch. „Wie wär’s mit Nudelgratin mit Steinpilzen?“, fragt sie nach einigem Gucken. „Das sieht sehr lecker aus.“
„Pilze sind derzeit nicht im Angebot.“
„Nicht im Angebot?“, fragt Lisanne erstaunt, „Das heißt?“
Auf einmal steht Cokko zwischen uns im Flur. Er hat unserer nicht besonders leisen Unterhaltung offenbar schon ein paar Sätze lang zugehört und erklärt Lisanne: „Wenn er sagt, dass etwas nicht im Angebot ist, dann weigert er sich einfach, das Zeug zu kaufen. Ketschup hat er zum Beispiel auch nicht im Angebot, das muss ich immer selber kaufen.“
„Hallöchen Brüderchen“, begrüße ich ihn. „Du bist aber heute früh dran.“
„Ja, ich bin eine Viertelstunde eher aus dem Laden gekommen und konnte einen früheren Bus nehmen.“ Per Handschlag begrüßt er Miloš, Simone bekommt einen Kuss und Lisanne ein freundliches „Hallo“ gesagt. „Was treibt ihr hier? Wollt ihr die Kochbücher abstauben?“
„Jeremy kocht uns was und wir suchen aus, was er kocht. Schließlich haben wir nicht jeden Tag die Gelegenheit, umsonst im Restaurant zu sitzen“, witzelt Lisanne.
„Na, da bin ich ja mal gespannt, was es gibt“, sagt er und verzieht sich ohne weitere Worte ins Schlafzimmer.
„Was hat er?“, fragt Lisanne flüsternd, als sei ihr peinlich, wenn er ihre Frage mitbekommt.
Vermutlich war mein Bruder auf einen ruhigen Abend eingestellt, bis ich von der Bandprobe komme, und nun ist die Band ohne Probe hier. Aber das sage ich nicht, sondern: „Wahrscheinlich erwartet er Post von seinem Pa. Nachher kommt er zum Essen, dann kannst du immer noch mit ihm flirten.“
172
„Na ja, es muss ja jemand sein, der irgendwie mit der Schule zu tun hat. Ich kümmere mich drum. Wenn du morgen den Personalbogen abgibst, sagst du Djamila bitte von deinen Defiziten.“ Meine Worte sind noch nicht verklungen, da weiß ich schon, dass er dagegen ist. Irgendwas läuft zwischen den beiden. „Willst du dir die Chance dadurch versauen? Wenn das sein muss, gehe ich wieder mit, aber du sagst es ihr selber.“
„Okay“, ergibt er sich, „ich sage dir Bescheid.“
Nun erscheint Mommi in der Wohnzimmertür. „Ich mache uns Abendessen. Werdet ihr bis dahin mit dem Schreibkram fertig?“
„Ja“, sagt er und lächelt sie an.
Sie lächelt zurück. „Ohne weiteres Geschrei?“
„Ja, ganz sicher“, verspricht er und sieht total erleichtert aus.
Ob die beiden noch mehr Geheimnisse vor mir haben? Ich wusste zwar, dass er „Wolkenpudding und andere Zuwendungen“ bekommt, um mich mal selbst zu zitieren, aber mir ist nicht klar gewesen, wie das praktisch aussehen kann.
neunundfünfzigstes Kapitel
Am nächsten Tag kommt Miloš mich im vorderen Haus besuchen. „Stell dir vor“, strahlt er mich aus allen verfügbaren Knopflöchern an, „Ich habe jetzt eine halbe Stunde Mittagspause.“
„Was ist daran so besonderes?“
„Ich habe sehr lange keine Mittagspause gehabt“, erklärt er. „Wer keine Arbeit hat, hat auch keine Pausen.“
Eine andere Sache finde ich interessanter: „Hast du mit Djamila geredet?“
„Ja. Das war erstaunlich. Sie findet es gar nicht wichtig. Ich soll den Mädchen die Sprache beibringen und dann können sie sich den Unterrichtsstoff selbst aneignen, sagt sie.“ Er hält einen Moment inne. Dann: „Könntest du trotzdem einen Lehrer für mich finden?“
„Warum?“
„Weil ich es wissen möchte. Ich könnte Bücher darüber lesen, aber wenn man jemanden fragen kann, lernt man mehr.“
„Stimmt“, sage ich. Und zugleich fällt mir ein, wen ich darum bitten könnte!
Gemeinsam zotteln wir durch die Schulgebäude, bis ich Godfried Admiraal gefunden habe. Das ist der älteste Kollege an der Schule, im Sommer geht er in Rente. Ich stelle die beiden einander vor und er will wissen: „Was kann ich für euch tun?“
„Ich bin der Russisch-Übersetzer für Djamila“, erklärt Miloš. „Aber wenn ich im Unterricht übersetzen soll, will ich die Inhalte vorher begriffen haben. Kannst du mir dabei helfen?“
„Aha“, macht er interessiert. „Warum fragst du nicht deinen Freund? Der ist Lehrer.“
„Na ja, er ist mein Freund. Das soll er bleiben.“
Er nickt. „Gut. Dann kannst du schon mal gehen, Jeremy.“
Ich akzeptiere den höflichen Rausschmiss und überlasse meinen Kumpel dem alten Lehrer, der mich schon seit meiner eigenen Schulzeit kennt.
Dienstags bin ich auf dem Weg zur Bandprobe, als ich Simone vor der Backstube treffe. Sie ist auch gerade angekommen und holt Gitarre und Verstärker aus dem Auto. Sie lässt ihr Instrument nie im Proberaum, weil sie oft zwischendurch spielt und dann will sie nicht erst irgendwo hingehen müssen.
Steven kommt aus dem Haus. „Schlechte Nachrichten“, sagt er. „Heute wird es nichts mit Musikmachen.“
„Oh, warum denn nicht?“, will ich wissen.
„Heute Vormittag hatten wir einen Kurzschluss, zum Glück erst, als wir schon fertig waren mit den meisten Backwaren. Wir haben sofort unsere Elektriker geholt, aber sie haben noch nicht mal das Problem gefunden. Hoffentlich kriegen die das bis heute Abend wieder ans Laufen.“
„Okay“, ergibt er sich, „ich sage dir Bescheid.“
Nun erscheint Mommi in der Wohnzimmertür. „Ich mache uns Abendessen. Werdet ihr bis dahin mit dem Schreibkram fertig?“
„Ja“, sagt er und lächelt sie an.
Sie lächelt zurück. „Ohne weiteres Geschrei?“
„Ja, ganz sicher“, verspricht er und sieht total erleichtert aus.
Ob die beiden noch mehr Geheimnisse vor mir haben? Ich wusste zwar, dass er „Wolkenpudding und andere Zuwendungen“ bekommt, um mich mal selbst zu zitieren, aber mir ist nicht klar gewesen, wie das praktisch aussehen kann.
neunundfünfzigstes Kapitel
Am nächsten Tag kommt Miloš mich im vorderen Haus besuchen. „Stell dir vor“, strahlt er mich aus allen verfügbaren Knopflöchern an, „Ich habe jetzt eine halbe Stunde Mittagspause.“
„Was ist daran so besonderes?“
„Ich habe sehr lange keine Mittagspause gehabt“, erklärt er. „Wer keine Arbeit hat, hat auch keine Pausen.“
Eine andere Sache finde ich interessanter: „Hast du mit Djamila geredet?“
„Ja. Das war erstaunlich. Sie findet es gar nicht wichtig. Ich soll den Mädchen die Sprache beibringen und dann können sie sich den Unterrichtsstoff selbst aneignen, sagt sie.“ Er hält einen Moment inne. Dann: „Könntest du trotzdem einen Lehrer für mich finden?“
„Warum?“
„Weil ich es wissen möchte. Ich könnte Bücher darüber lesen, aber wenn man jemanden fragen kann, lernt man mehr.“
„Stimmt“, sage ich. Und zugleich fällt mir ein, wen ich darum bitten könnte!
Gemeinsam zotteln wir durch die Schulgebäude, bis ich Godfried Admiraal gefunden habe. Das ist der älteste Kollege an der Schule, im Sommer geht er in Rente. Ich stelle die beiden einander vor und er will wissen: „Was kann ich für euch tun?“
„Ich bin der Russisch-Übersetzer für Djamila“, erklärt Miloš. „Aber wenn ich im Unterricht übersetzen soll, will ich die Inhalte vorher begriffen haben. Kannst du mir dabei helfen?“
„Aha“, macht er interessiert. „Warum fragst du nicht deinen Freund? Der ist Lehrer.“
„Na ja, er ist mein Freund. Das soll er bleiben.“
Er nickt. „Gut. Dann kannst du schon mal gehen, Jeremy.“
Ich akzeptiere den höflichen Rausschmiss und überlasse meinen Kumpel dem alten Lehrer, der mich schon seit meiner eigenen Schulzeit kennt.
Dienstags bin ich auf dem Weg zur Bandprobe, als ich Simone vor der Backstube treffe. Sie ist auch gerade angekommen und holt Gitarre und Verstärker aus dem Auto. Sie lässt ihr Instrument nie im Proberaum, weil sie oft zwischendurch spielt und dann will sie nicht erst irgendwo hingehen müssen.
Steven kommt aus dem Haus. „Schlechte Nachrichten“, sagt er. „Heute wird es nichts mit Musikmachen.“
„Oh, warum denn nicht?“, will ich wissen.
„Heute Vormittag hatten wir einen Kurzschluss, zum Glück erst, als wir schon fertig waren mit den meisten Backwaren. Wir haben sofort unsere Elektriker geholt, aber sie haben noch nicht mal das Problem gefunden. Hoffentlich kriegen die das bis heute Abend wieder ans Laufen.“
171
„Nein, verdammt! Lass das Feld halt frei, wenn deine Schule so einen schrecklichen Ruf hat. Immerhin hast du in der Schule nicht viel Russisch gelernt, sondern im Arbeitsleben, da wird es nicht so wichtig sein.“
„Was meinst du damit, dass meine Schule einen schrecklichem Ruf gehabt hätte?“
Ich verdrehe die Augen. Hätte ich die Arbeit lieber doch Mommi überlassen sollen?
Wie aufs Stichwort wird nebenan das Bügelbrett zusammen geklappt, kurz darauf betritt sie das Zimmer. „Wann wollt ihr eigentlich damit fertig werden?“
„So wahnsinnig lange wird es nicht dauern, bis ein Personalbogen ausgefüllt ist“, hoffe ich.
„Dann solltet ihr nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Nur so als Tipp.“ Und zu Miloš sagt sie: „Du hast auch noch was anderes zu tun.“
„Was denn?“, will ich sofort von ihr wissen.
Wortlos verlässt sie das Wohnzimmer in Richtung Flur.
„Was hast du noch zu tun?“
Wieder atmet er mehrfach tief durch. „In der Schule übersetzen ist nicht nur zu übersetzen, sondern ich brauche Schulwissen.“
Hä? „Übersetzen ist nicht nur übersetzen? Und was für ein Schulwissen willst du haben? Insiderkram aus dem Kollegenkreis?“
Er holt Luft. „Wenn ich in Mathematik übersetze, ist es einfach. Das ist auf der ganzen Welt gleich. Aber fast alle anderen Schulfächer sind unterschiedlich. Ein Beispiel. Ich habe als Kind gelernt, dass der Kommunismus die beste Staatsform der Welt ist. Du hast wahrscheinlich das Gegenteil gelernt. Also brauche ich Schulwissen.“
„Aha.“
Was sonst – er atmet durch!
„Kannst du dieses Geschnaufe mal sein lassen?“
Abrupt schreit er mich an: „Nein, kann ich nicht!“
„Und wieso schreist du auf einmal so rum?“
„Weil du mir die ganze Zeit tierisch auf die Nerven gehst mit deinen komischen Fragen! Also hole ich Luft, damit ich mich beherrschen kann!“
Um ihn abzulenken, weise ich auf ein Stück Papier, das neben ihm auf dem Fußboden liegt: „Dir ist da was runter gefallen.“
Er hebt es eilig auf und im selben Moment erkenne ich es: „He, wieso behauptest du, dass du den Zettel verloren hast, wenn er in deiner Hosentasche ist?“
Das ist ihm peinlich – so sehr, dass man es ihm ansieht. „Ich habe dich angelogen.“
„Aber warum?“
Er guckt mich noch immer nicht an. „Weil ich es nicht lesen konnte.“
„Warum sagst du das nicht einfach? Die meisten Menschen können meine Schrift nicht lesen, außer ich konzentriere mich auf leserliche Buchstaben.“
„Warum konzentrierst du dich dann nicht immer auf Leserlichkeit?“
„Weil ich nicht drüber nachgedacht hab.“ Stattdessen denke ich jetzt mal über ein paar andere Dinge nach, schließlich wollen wir ja tatsächlich eines Tages hier fertig werden. Zum Beispiel was das Schulwissen betrifft. Da hat er völlig recht. Übersetzen ist nicht nur die Sprache umzuwandeln, es heißt auch, die Inhalte richtig zu vermitteln. Und er muss den beiden Mädchen ein paar Schritte voraus sein. Allerdings habe ich den dunklen Verdacht, dass Djamila sich nicht damit befassen will, ihrem Unterrichtshelfer erst mal den Lernstoff nahe zu bringen. Das kann ja auch nicht ihre Aufgabe sein.
Aber wessen Aufgabe ist es dann? War er vielleicht deswegen hier bei Mommi und es ging in erster Linie gar nicht ums Ausfüllen?
„Soll ich dir das Schulwissen beibringen?“
„Bloß nicht!“, schnaubt er automatisch, um sich gleich darauf zu entschuldigen: „Du bist mein Freund, ich will nicht, dass du mein Lehrer bist.“
„Wer soll es sonst machen?“
„Das weiß ich nicht.“
„Was meinst du damit, dass meine Schule einen schrecklichem Ruf gehabt hätte?“
Ich verdrehe die Augen. Hätte ich die Arbeit lieber doch Mommi überlassen sollen?
Wie aufs Stichwort wird nebenan das Bügelbrett zusammen geklappt, kurz darauf betritt sie das Zimmer. „Wann wollt ihr eigentlich damit fertig werden?“
„So wahnsinnig lange wird es nicht dauern, bis ein Personalbogen ausgefüllt ist“, hoffe ich.
„Dann solltet ihr nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Nur so als Tipp.“ Und zu Miloš sagt sie: „Du hast auch noch was anderes zu tun.“
„Was denn?“, will ich sofort von ihr wissen.
Wortlos verlässt sie das Wohnzimmer in Richtung Flur.
„Was hast du noch zu tun?“
Wieder atmet er mehrfach tief durch. „In der Schule übersetzen ist nicht nur zu übersetzen, sondern ich brauche Schulwissen.“
Hä? „Übersetzen ist nicht nur übersetzen? Und was für ein Schulwissen willst du haben? Insiderkram aus dem Kollegenkreis?“
Er holt Luft. „Wenn ich in Mathematik übersetze, ist es einfach. Das ist auf der ganzen Welt gleich. Aber fast alle anderen Schulfächer sind unterschiedlich. Ein Beispiel. Ich habe als Kind gelernt, dass der Kommunismus die beste Staatsform der Welt ist. Du hast wahrscheinlich das Gegenteil gelernt. Also brauche ich Schulwissen.“
„Aha.“
Was sonst – er atmet durch!
„Kannst du dieses Geschnaufe mal sein lassen?“
Abrupt schreit er mich an: „Nein, kann ich nicht!“
„Und wieso schreist du auf einmal so rum?“
„Weil du mir die ganze Zeit tierisch auf die Nerven gehst mit deinen komischen Fragen! Also hole ich Luft, damit ich mich beherrschen kann!“
Um ihn abzulenken, weise ich auf ein Stück Papier, das neben ihm auf dem Fußboden liegt: „Dir ist da was runter gefallen.“
Er hebt es eilig auf und im selben Moment erkenne ich es: „He, wieso behauptest du, dass du den Zettel verloren hast, wenn er in deiner Hosentasche ist?“
Das ist ihm peinlich – so sehr, dass man es ihm ansieht. „Ich habe dich angelogen.“
„Aber warum?“
Er guckt mich noch immer nicht an. „Weil ich es nicht lesen konnte.“
„Warum sagst du das nicht einfach? Die meisten Menschen können meine Schrift nicht lesen, außer ich konzentriere mich auf leserliche Buchstaben.“
„Warum konzentrierst du dich dann nicht immer auf Leserlichkeit?“
„Weil ich nicht drüber nachgedacht hab.“ Stattdessen denke ich jetzt mal über ein paar andere Dinge nach, schließlich wollen wir ja tatsächlich eines Tages hier fertig werden. Zum Beispiel was das Schulwissen betrifft. Da hat er völlig recht. Übersetzen ist nicht nur die Sprache umzuwandeln, es heißt auch, die Inhalte richtig zu vermitteln. Und er muss den beiden Mädchen ein paar Schritte voraus sein. Allerdings habe ich den dunklen Verdacht, dass Djamila sich nicht damit befassen will, ihrem Unterrichtshelfer erst mal den Lernstoff nahe zu bringen. Das kann ja auch nicht ihre Aufgabe sein.
Aber wessen Aufgabe ist es dann? War er vielleicht deswegen hier bei Mommi und es ging in erster Linie gar nicht ums Ausfüllen?
„Soll ich dir das Schulwissen beibringen?“
„Bloß nicht!“, schnaubt er automatisch, um sich gleich darauf zu entschuldigen: „Du bist mein Freund, ich will nicht, dass du mein Lehrer bist.“
„Wer soll es sonst machen?“
„Das weiß ich nicht.“
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