28. Juni 2015

64

Mitten im Schankraum trifft Anno auf uns. „Na, haste dich geklont?“, ulkt er, nachdem er uns verglichen hat.
„Klar. Das liegt voll im Trend. Solltest du auch machen“, erwidert Cornelius, bevor mir eine passende Antwort in den Kopf kommt. „Das hilft ungemein gegen Schüchternheit. Man muss nur zusammen irgendwo aufkreuzen und wird sofort angesprochen.“
„An der Aussprache von deinem Klon solltest du aber noch ein bisschen feilen“, sagt Anno zu mir. Mit der Schlagfertigkeit meines „Klons“ hat er wohl nicht gerechnet. Ich auch nicht.
„Ja, er ist noch nicht so perfekt, wie ich mir das vorgestellt hatte. Wir machen demnächst eine Sprachreise, da lernt er auch, dass er bei anderen Leuten den Mund aufmachen darf und so Sachen.“ Cornelius tätschelt grinsend meinen Schädel und geht dann zum Tresen. Er beginnt, mit der Kellnerin über irgend etwas zu reden, wir verstehen nicht, worum es geht.
Anno dreht sich seufzend wieder zu mir um und macht eine Grimasse. „Nichts als Ärger mit den Klonen.“
„Da sagst du was. Fällt mir beim Thema Sprachreise ein, gibt es Neues von Ieuwkje?“ Ich habe ganz vergessen, Tante O danach zu fragen. Im Hafen habe ich noch daran gedacht. Ich werde alt, scheint’s.
Er seufzt noch einmal. „Ja. Sie hat gestern aus Buenos Aires angerufen. Wenn sie kann, wie sie will, bleibt sie noch einen Monat zum Urlaub machen. Die haben ja jetzt Sommer.“
„Ach, du armer kleiner Strohwitwer. Ihr hättet vorher Schluss machen sollen, dann wäre die Zeit nicht so hart.“
„Quatsch. Das wäre sie dann auch, nur anders“, macht Anno. Wir gehen zu Marc und Boje an den Tisch, dann gesellt sich auch Cornelius zu uns. Ich erkläre den neugierigen Freunden, dass es sich doch nicht um den ersten erfolgreich geklonten Menschen handele, sondern dass sie hier meinen bis dahin unbekannten Halbbruder vor sich sehen.
Marc will wissen, wieso er bis dahin unbekannt war und Cornelius sagt, dass er in Kanada aufgewachsen ist und sich erst vor einer Woche auf die Suche nach mir gemacht hat. Dann kramt er sein Zigarettenpäckchen vor und will sich eine Kippe anzünden, aber wir rufen fast im Chor: „Rauchverbot!“
„Warum?“, gibt er zurück. „Seid ihr etwa alle Nichtraucher?“
„In allen öffentlichen Gebäuden herrscht Rauchverbot“, erklärt Anno.
Entsetzt guckt mein Bruder ihn an. „Rauchverbot?! In Kneipen?“
„Ja, dazu gibt es seit ein paar Jahren eine gesetzliche Regelung. Und in diesem speziellen Fall hier wären die Leute dazu noch ganz schön blöd, wenn sie es erlauben würden.“
„Wieso?“
„Wegen dem Brandschutz. Es ist doch ein Reetdachhaus. Das brennt wie Zunder. Außerdem steht es unter Denkmalschutz. Guck dich doch mal um, das Haus ist über 200 Jahre alt!“
„Und woher soll ich wissen, wie alt der Kasten ist?“, mosert er.
„Klar, woher sollst du das wissen? Als das Haus gebaut wurde, war bei dir zuhause noch Wilder Westen, he?“, blödelt Marc. Die Kellnerin kommt an den Tisch und unterbricht uns: „Ein warmes Bier?“
Cornelius nimmt es dankend entgegen und trinkt mit verzückter Miene den ersten Schluck. Dann sagt er in die erstaunt bis angewidert guckende Runde: „Mein verrückter Bruder würde sagen: „Nein, ich bin kein Deutscher, sondern das ist die magenschonendste Art, Bier zu trinken, wenn man vorher seekrank war.“ Aber er hat ja kein Problem damit. Also muss ich es euch so sagen. Ich bin wirklich kein Deutscher, aber mein Bruder ist trotzdem ziemlich verrückt.“
„Hör mal, du falscher Deutscher“, setze ich zur Revanche an, „Wir könnten uns auch auf englisch unterhalten, was wir zum Teil besser sprechen als du niederländisch. Warum tust du uns das trotzdem an?“ Und wer sagt eigentlich, dass die Deutschen warmes Bier trinken? Ich war schon oft in Deutschland und habe allerhand sonderbare Dinge erlebt, aber warmes Bier trinken sie ganz sicher nicht. Na ja, vielleicht ist es ein amerikanisches Vorurteil.

63

„Ich fand es unheimlich cool“, gibt er verlegen grinsend zu. Dann fragt er: „Ist das schlimm? Große Brüder werden ja nicht so gerne nachgemacht, das ist jedenfalls bei einem meiner Kumpels so. Der kassiert immer Schläge, wenn er seinem großen Bruder was nachgemacht hat, dabei ist der ein echt cooler Typ. Na ja, zumindest wenn man davon absieht, dass er ständig seine kleinen Brüder vermöbelt.“
Ich schichte meine Minimalfrisur um, als würde es helfen, die Gedanken unterhalb der Schädeldecke zu sortieren. „Ich hatte es noch nie, dass mir ein kleiner Bruder was nachgemacht hat. Ad und Bas würde so was ja nie im Leben einfallen, die finden mich doof und langweilig und anstrengend und so nette Sachen. Aber … ich hab die Haare ja jetzt ab … machst du das jetzt also auch nach?”
„Nee“, sagt Cornelius überzeugt. „Mittlerweile find ich lange Haare so cool, dass ich sie nicht mehr abschneiden werde. Warum hast du das denn gemacht?“
„Das erzähl ich dir später mal“, wehre ich ab. „Tante O wartet bestimmt schon unten auf uns und wenn wir hier noch lange Wurzeln schlagen, machen die Kneipen zu, bevor wir da sind.“
„Ach ja“, macht er nun, „was sind das für Leute, die du da so triffst? Alle älter als ich?“
„Gemischt. Ungefähr zwischen 14 und 34“, fasse ich der Einfachheit halber zusammen, was natürlich zugleich unter- als auch übertrieben ist.
„Und auch ein paar nette Weiber dabei?“
„Das ist wohl Geschmackssache, he? Übrigens sagt den Insulanern nach, sie seien gegenüber Festländern stets auf eine gewisse Distanz aus. Also mach dir nicht allzu große Hoffnungen. Ich hab eine ganze Weile gebraucht, um mit ihnen warm zu werden“, erkläre ich.
Natürlich liegt das zum Teil auch daran, dass es nicht leicht ist, mit mir warm zu werden, außer, man gibt sich als mein bislang unbekannter Bruder aus und bringt mich derart durcheinander, dass mir gar nichts anderes bleibt, als mich sofort mit jemandem anzuwärmen. Aber das ist ein ganz anderes Kapitel.

Tante O freut sich wie immer an meinem Appetit und versucht mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, meinen Bruder dazu zu überreden, auch so kräftig zu zulangen. Als er standhaft ablehnt, macht sie sich Sorgen und stellt Vermutungen an, es stehe das Verkehrte auf dem Tisch. Cornelius erklärt schließlich, dass er sich nicht wohl fühlt. In Ansätzen berichtet er, was ihm auf der Anreise passiert ist (vom Jetlag redet er erstaunlicherweise überhaupt nicht, also werde ich auch nichts dazu sagen), dass ich ihn danach so toll abgelenkt habe und wie gut die Tabletten trotz allem gewirkt haben.
Später leihen wir Ieuwkjes Fahrrad aus und fahren nach West, wobei wir kräftig vom Wind angeschoben werden. Mal sehen, was Cornelius zum Rückweg sagt. Wahrscheinlich kennt er das Phänomen „Gegenwind“ nicht. Ich werde ihn mal fragen müssen, wo Calgary eigentlich ist, ich kenne mich da überhaupt nicht aus. Ist es im Gebirge oder im Flachland? In der Schule fand ich Europa und vor allem die Anrainerstaaten der Nordsee immer interessanter als all die fernen Länder und fremden Erdteile.


zwanzigstes Kapitel

Die Kneipe „Meeuwenpoep“ ist in einem der alten Dersumer Friesenhäuser untergebracht. Die zeichnen sich generell durch prächtige Reetdächer und im Innern nicht minder prächtige Räume aus. Die Wände sind zum Beispiel mit Delfter Fliesen, kostbaren Walzahn- und Bernsteinschnitzereien und Mahagonitäfelung verziert.
Die Schnitzereien sind, sofern sie nicht im Laufe der Zeit abhanden gekommen sind, durch Glaskästen vor neugierigen Leuten und ihren Fingern geschützt.

62

„Fünftens, wir verbringen die Nacht in Kneipen und Discos, falls es hier so was gibt“, ergänzt mein kleiner Bruder, und ich glaube den ersten gravierenden Unterschied entdeckt zu haben. Was, wenn er nicht ohne Disco auskommt? Aber wenigstens hat sein Innenleben die Insel als Festland anerkannt und Ruhe gegeben. Er sieht wieder viel besser aus.
„Das gibt es. Ich bin allerdings nicht so ein Disco-Fan, deswegen wird es vielleicht nicht so unterhaltsam für dich.“ Zu Beginn einer Beziehung ist es meines Erachtens wichtig, mit offenen Karten zu spielen. Sonst geht jeder von anderen Voraussetzungen aus und die Missverständnisse nehmen gleich zu Anfang überhand. Es reicht, wenn sie das später tun.
Cornelius schließt sich meinem Offene-Karten-Kurs an und gibt einschränkend zu: „Na ja, lange würde ich es da sowieso nicht aushalten, schon gar nicht die ganze Nacht, das war ein bisschen überzogen. Ich hab ziemliche Kopfschmerzen.“
„Ach ja? Warum?“ Liegt es womöglich immer noch an der Seekrankheit? Bekanntlich war ich noch nie seekrank und kenne mich daher nicht mit den Nebenwirkungen aus. „Möchtest du eine Kopfschmerztablette?“, fällt mir ein. Die Bordapotheke ist zwar da, wo sie ihrem Namen nach hingehört und somit nicht in Reichweite, aber Tante O ist schließlich eine fürsorgliche Hauswirtin.
„Nee, lass mal. Das würde nicht viel helfen, es liegt am Jetlag. Ich hab die acht Stunden Abstand zwischen unserer Mounten Standart Time und eurer Zeitzone noch nicht aufgeholt. Pro Tag schaff ich ungefähr zwei Stunden, weil ich ja nicht viel zu tun habe. Wenn ich hier zu arbeiten hätte, würde ich länger brauchen“, schiebt er erklärend ein. „Und da ich erst gestern hier gelandet bin, hab ich also noch so drei Tage Zeitumstellung vor mir“, schließt er.
Das ist der Vorteil am Bootlag, denke ich. Da handelt es sich nur um räumliche Abstände. Das einzige Leiden, das der Bootlag mit sich bringt, ist mehr oder minder starkes Fernweh; Kopfschmerzen hatte ich noch nie. Ich schlage einen geschickten Bogen von dem Thema, bei dem ich nicht mitreden kann, zu dem, was ich heute Abend noch zu tun gedenke. „Nachher wollte ich übrigens ein paar Bekannte besuchen, die sich regelmäßig in einer Kneipe in Dersum treffen. Wenn du willst, komm mit. Aber ich muss dich vorwarnen. Du wirst wahrscheinlich ziemlich viel angeguckt werden, das sag’ ich dir gleich. Wie Tante O und ich zuhause geguckt haben, das war erst der Anfang.“ Mit Cornelius im Gefolge gehe ich wieder ins Bad und hinterlasse Zahnbürste und den Kram.
„Wieso werde ich wahrscheinlich viel angeguckt werden? So irre ähnlich sind wir uns nicht, finde ich. Vom Gesicht her vielleicht, aber ich hab ein kleines bisschen längere Haare als du“, untertreibt er unwesentlich.
„Ja, das stimmt, aber im Sommer hatte ich sie noch länger als du jetzt, und deswegen werden manche Leute nicht glauben, was sie sehen. Wer mich nämlich eine Weile nicht gesehen hat, kann dich schon für mich halten.“
„Ach so…“, macht Cornelius langsam und ihm ist anzusehen, dass ihm ein Licht aufgeht.
„Was, ach so?“
„Du hattest die Haare lang…“
„Ja, hatte ich“, mache ich etwas ungeduldig, „Aber wovon redest du?“
„Und wann warst du zuletzt bei deinen Eltern?“
Ich hebe die Schultern. „Das war vor der Strandfete, ungefähr … im Juli oder so … aber warum fragst du das alles?“
„Das heißt also, dass dein Pa nicht wusste, dass du jetzt kurzhaarig bist“, stellt er fest.
„Ja-ha! A-ber wo-von re-dest du?“, betone ich jede Silbe einzeln, damit er endlich zur Sache kommt.
„Wenn du in Zuyderkerk nicht gesagt hättest, dass du es bist, bei dem ich klingele, hätte ich dich nie erkannt, weil dein Pa unserer Ma nur Fotos mit langen Haaren geschickt hatte. Und als ich in Alkmaar war, hat er noch extra betont, dass du längere Haare hättest als ich, damit ich dich auch auf jeden Fall erkenne!“
Jetzt bin ich es, der langsam „Ach so“ sagt. Dabei fällt mir etwas ein: „Aber … also, ich meine … ähm, hast du etwa jetzt lange Haare, weil ich auf den Fotos welche hatte?“ (37)

61

Verdattert guckt Tante O zwischen uns beiden hin und her. Dann beginnt sie zu lachen. „Donnerwetter, Jeremy, die Überraschung ist dir gelungen.“ Sie umarmt mich, dann streckt sie Cornelius die Hand hin und sagt freundlich: „Herzlich willkommen auf Dersummeroog. Ich bin Oda Sierksma.“
Er erwidert ihren Händedruck und sagt: „Ich heiße Cornelius McLachlan. Ich bin sein Halbbruder.“ Dabei zeigt er auf mich.
Tante O nickt. „Das kann man sich fast denken. Sie sind Ihrem Bruder sehr ähnlich.“
„Ach, bitte“, macht er verlegen, „sagen Sie nicht Sie zu mir, ich fühle mich dann so alt. Ich bin ja sogar jünger als Jeremy. Okay?“
Tante O lacht wieder. „Das mache ich gerne, Cornelius“, verspricht sie und schaltet den Fernseher aus. „Möchtet ihr jeder ein eigenes Zimmer haben? Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich das Doppelzimmer auch noch hergerichtet. So stehen da jetzt allerdings einige Sachen drin herum, weil zurzeit niemand sonst gebucht hat.“
Ich mache Körperbewegungen, die meine Unentschlossenheit verdeutlichen, denn ich weiß es nicht. Mir ist es egal.
Mein kanadischer Bruder weiß es auch nicht und fragt mich: „Schnarchst du?“
„Nein“, behaupte ich überzeugend und Tante O, sofern sie anderer Meinung ist, lässt sich nichts anmerken.
„Sie können uns auch ein gemeinsames Zimmer geben. Es ist schon dreist genug von mir, unangemeldet hier aufzukreuzen.“
„Keine Rede!“, bestreitet sie. „Im Gegenteil, ich freue mich sehr, dich kennen zu lernen.“
Cornelius gibt sich offenbar geschlagen. Genau wie ich gerade hebt er die Schultern und sagt: „Ich freu mich auch.“ Nun wendet er sich flüsternd an mich: „Wo gibt’s denn ein Klo?“
Im Gänsemarsch gehen wir aus dem Zimmer. Neben der Eingangstür befindet sich hinter einer schmalen Tür das gewünschte Örtchen. „Ich bring schon das Gepäck rauf“, informiere ich. Er verschwindet und zugleich tritt Tante O hinaus auf den Flur.
„Stell dir vor, er stand plötzlich bei mir vorm Haus, als ich gerade zu dir unterwegs war“, erkläre ich ihr nachträglich. „Ich wollte ihn nicht in Zuyderkerk stehen lassen, da hab ich ihn mitgenommen. Ich weiß nicht, was mit Cornelius ist, aber ich hab Hunger.“
„Das dachte ich mir.“ Dabei fällt ihr ein: „Ach, könntest du vielleicht die Klappliege aus der Abstellkammer holen? Mir ist die zu schwer, sonst hat Ieuwkje das immer gemacht. Sie steht links neben der Tür. Dann kannst du sie im Zimmer direkt dahin stellen, wo ihr sie haben wollt, oder du räumst das Doppelzimmer leer und kannst sie dahin stellen.“ Sie hält kurz inne, dann fügt sie hinzu: „Wenn du das Doppelzimmer frei räumst, brauchst du die Klappliege nicht zu holen, da sind schließlich genug Betten drin.“
„Vielleicht will Cornelius gar nicht alleine schlafen. Wenn ich er wäre, würde ich lieber nicht alleine im Zimmer schlafen wollen.“ Neben dem Haus stehen zwei große Kiefern, deren Äste das Dach berühren. Wenn es windig ist, kann es sich für fantasievolle Leute anhören, als liefe jemand auf dem Dach herum. (36)
„Ja, frag ihn mal, was er von den verschiedenen Möglichkeiten hält“, sagt Tante O, während ich schon mit meiner sowie den meisten seiner Taschen auf der Treppe bin. Cornelius folgt mir kurz darauf mit seinem restlichen Kram.
Mit irgendeiner zufällig freien Körperecke klinke ich die Tür gegenüber vom Bad auf und betrete das Gästezimmer, das ich bewohne, seit ich alleine herkomme. Als ich das Gepäck auf dem Bett abgelegt habe, eröffne ich: „Es gibt vier Möglichkeiten für die nächste Nacht. Erstens, du schläfst im Bett und ich auf der Liege, die ich gleich hole, zweitens, ich schlafe im Bett und du auf der Liege. Drittens, einer von uns schläft im Doppelzimmer“, ich weise mit einer Kopfbewegung auf die entsprechende Tür etwas weiter hinten. „Oder viertens, einer von uns schläft auf der Kaap Hoorn. Dazu würde ich vorschlagen, dass ich das tue, weil ich die Nacht dort vielleicht besser vertrage und außerdem den Weg finde.“